Geschichte, im Regen

Kurz nach dem offiziellen Herbstbeginn: Wir wollen einen freien Wochentag dazu benützen, unsere geliebte Greifenstein-Wanderung zu begehen, weil die heuer noch nicht dran war. Dabei ist sie doch sozusagen der „Urtext“ unseres Buches „Wandern im Wienerwald“ – und die Wanderung, mit der für uns alles begann.
Wie Sie am obigen Bild erkennen, lief die Sache allerdings nicht ganz so wie geplant. Als wir die Franz-Josefs-Bahn am Bahnhof Greifenstein-Altenberg verließen, nieselte es bereits, und der Himmel war stark bewölkt. Soviel zu den übereinstimmenden Prognosen, die eine Regenwahrscheinlichkeit von 0 bis 10 Prozent angekündigt hatten – damit steht fest, dass auch die Wettervorhersage ein integraler Teil der Lügenmedien ist, auf den man sich nicht verlassen darf. Wahrscheinlich heißt es dann wieder, wir hätten den wärmsten September gehabt, seit es Schokolade gibt …
Ein paar Schritte ereilt uns der nächste Schock. Die Orientierungstafel am Bahnhofsgebäude wurde ersatz- und stillos entfernt, nachdem sie eh schon zuvor das Ziel von unbegabten Graffiti-Schmieranten geworden war. Unser Entsetzen wird jeder nachvollziehen können, der weiß, wie sehr wir diese alten Tafeln schätzen. (Die in Hadersfeld gibt es wenigstens noch, wie wir auf unserem Weg feststellen konnten.)

Wenn das schon so anfängt, dann pfeifen wir auch auf die ursprüngliche Wanderroute und lassen die Burg Greifenstein links liegen – wir haben uns eh schon genug über den Burgherrn und seine Warnschilder geärgert, bis der Mann endlich halbwegs ein Einsehen hatte. Wurscht … diesmal nehmen wir einen anderen, viel zu lange nicht begangenen Weg nach Hadersfeld: den Klotzbergsteig, der uns durch die unten (sicher falsch geschriebene) Gasse aus der Ortschaft bergauf führt.

Er geht anfangs auf einer schmalen Asphaltstraße dahin und biegt dann in den Wald ab, erst an einem Bach entlang und dann in Serpentinen über den Totenkopf (auf manchen Karten auch „Todtenkopf“ genannt) hinauf.

Wir erreichen Hadersfeld diesmal beim Schloss und sehen unweit davon – zwischen zwei Wandertafeln – diesen hervorragenden Aufkleber, der all den Besserwissern gewidmet ist, die uns A. nach dem neuen Anschluss wieder einmal als Ostmark betrachten und B. permanent belehren müssen. Phantastisches Pickerl! Wenn jemand weiß, wo man das herkriegt, soll er uns bitte schreiben.

Nach all der Freude biegen wir dann bald rechts ab, Richtung „Lourdes Grotte über Binder Jockl“ (der Bindestrich ist mittlerweile in weiten Teilen der Bevölkerung abgekommen) und merken auf dem folgenden Feldweg, dass aus dem Nieseln ein richtiger Regen geworden ist.

Also stellen wir uns ein Weilchen unter diesem schönen Baum unter, um unser Jausenbrot zu verspeisen …

… und beschließen dann, heute lieber historisch unterwegs sein zu wollen. Also zurück zur altbekannten Forststraße (wer mehr wissen will, schlägt in unserem Buch bei Wanderung 5, „Vom Wasser zum Wein“, nach), von der wir diesmal aber nicht nach rechts zur Lourdesgrotte abbiegen, sondern der grünen Markierung folgend über den Sonnberg nach Gugging weiterwandern.
Im Wald ist es durchaus auch sehr nass und nebelig – aber wenigstens lernen wir dort den „Chainsaw-Kerndi“ (siehe unten) kennen.

Als wir uns dann über einen weiteren Feldweg Gugging nähern, sehen wir unten schon die ehemalige Heilanstalt, deren historische Gebäude mittlerweile fast völlig abgerissen und durch besonders scheußliche Beispiele für moderne Architektur – die „Elite-Uni“ Institute of Science of Technology Austria – ersetzt wurden.
Trotzdem werden wir nostalgisch: Dies ist die Route, die wir noch bis Mitte der Neunziger gewandert sind! Da bin ich seinerzeit auch mit meinem gütigen Herrn Vater bergab gegangen (und später mit meinem geschätzten Mitautor), beim Hochbehälter Steineckgasse links abgebogen und dann direkt durch die Anstalt weiterspaziert, wo uns freundliche Herrn um Münzen für den Cola-Automaten anschnorrten und bedrohliche Hektiker in weißen Mänteln (die Ärzte) das Gelände unsicher machten. Hier ist die längste Zeit irgendwo ein Elektrokasten gestanden, den der große Künstler August Walla mit der Aufschrift „Grüß Gott, du DDR!“ versehen hatte. Und unten ging es dann über die Hintersdorfer Straße weiter, Richtung Naturpark Eichenhain.
Alles vorbei. Stattdessen die Fortbildungsanstalt für die Elite. Da waren mir die „Narren“ lieber … Wenn Sie Gelegenheit haben, schauen Sie sich einmal die Doku „Zur Besserung der Person“ über die Künstler aus Gugging an; aus der erfahren Sie mehr als aus dem heutigen Museum dort.

Aber immerhin gibt es inmitten der Bausünden eine Station, in der wir pitschnass den Bus nach Heiligenstadt besteigen und diesen verregneten historischen Ausflug abbrechen. Nächstes Mal gehen wir doch lieber wieder zur Lourdesgrotte. (ph)


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