Der Weg aus dem Jammertal

Helmuth A. W. Singer und Peter Hiess sind Verfasser der Waldgänger-Pflichtlektüre Wandern im Wienerwald und Wandern im Waldviertel und kriegen einfach nicht genug. Deswegen haben sie sich vorgenommen, auf den Weitwanderwegen 404 und 444 den Wienerwald zu umrunden. Und sie lassen sich dabei Zeit … weil Hektik hat noch nie was gebracht. Die erste Etappe führte uns und unsere treuen Leser von Grinzing bis Gugging. Diesmal geht‘s – teilweise auf bekannten Pfaden – ein gutes Stück weiter.

Der Winter ist endgültig vorbei (obwohl: die Eisheiligen kommen noch), es ist der 28. April 2026, das Frühjahr ist da, aber der Sommer lässt sich gottlob noch etwas Zeit, damit man diese schöne Jahreszeit genießen kann. Die ausgearbeitete Wegbeschreibung stammt auch diesmal von Helmuth Singer, die farbig unterlegten Gedanken und Anekdoten dazu liefert wieder Peter Hiess. Und los geht’s …

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Wir verlassen den Bus bei der Station Maria Gugging/Lourdesgrotte, wo wir nach dem Ende der ersten Etappe eingestiegen sind, und gehen am Straßenrand der stark befahrenen B14 Richtung St. Andrä-Wördern. Nach ca. 500 m sehen wir gegenüber die Stelle, an der wir letztes Mal aus dem Wald gekommen sind und an der gelbe Wanderpfeile sowie ein Schild „Kapellenwanderweg“ auffallen. Ein blau markierter Pfeil weist uns nach „Hintersdorf 50 min“. Wir bleiben am Straßenrand, bis diese blaue Markierung etwa 150 m weiter nach links abbiegt. Hier sehen wir auch eine rot-weiß-rote Markierung, die uns die Weitwanderwege 475, 04 und eine Kontrollstelle des Wienerwald-Weitwanderwegs 404 anzeigt.

Auch diesmal haben wir die Lourdesgrotte ausgelassen, um zeitlich nicht in Verzug zu kommen. Schade eigentlich – diesen schönen und heiligen Ort kann man gar nicht oft genug besuchen, um dort eine kleine Andacht zu halten. Aber die nächste Gelegenheit kommt bestimmt …
Wann wir wieder einmal Gelegenheit haben werden, die Hagenbachklamm zu beschreiten, ist allerdings fraglich. Die schweren Unwetter im Herbst 2024 haben in der Klamm zu schweren Hangrutschungen geführt, die bis heute nicht repariert werden konnten, weil das anscheinend zu aufwendig und teuer ist. Auf der Website der Marktgemeinde St. Andrä-Wördern gibt man gar kein Datum für eine Wiedereröffnung mehr an, sondern schreibt nur „auf unbestimmte Zeit gesperrt“.
Vergangenes Jahr habe ich mit dem Wanderkollegen Winterer versucht, den Weg durch die Hagenbachklamm (Wanderung 6 – Raubvögel aus nächster Nähe aus unserem Wienerwald-Wanderbuch zu beschreiten. Wir sind also am Rand der vielbefahrenen Straße von der Lourdesgrotte bis zum Einstieg in die Klamm gehatscht und standen dann überrascht vor der Sperre. Das heißt, wir haben natürlich versucht, trotzdem zu gehen, weil man sich ja viel zu lange im Leben für jung und abenteuerlustig hält, aber beim ersten Hangsturz war uns klar, dass da beim besten Willen kein Durchkommen ist.
Jetzt wird’s richtig abenteuerlich und absurd, daher in der Gegenwartsform weiter:
Wir müssen diesen Ausflug also stanzen und gehen die paar Meter zu dem Bus zurück, der da seit geraumer Zeit auf einem Wendeplatz seitlich der Straße lauert. Als der Fahrer sieht, dass wir auf ihn zusteuern, startet er den Motor an und lässt sich nur durch heftiges Winken davon abhalten, uns vor der Nase davonzufahren. Wir steigen ein und fragen den starr vor sich hinblickenden Chauffeur höflich, wo dieser Bus hinfährt, doch der Mann ist kaum einer menschlichen Sprache mächtig. „Schnl“, sagt er und auf unsere staunende Nachfrage „Schlle“. „Schule“ vielleicht? Wurscht, wir wollen runter nach St. Andrä-Wördern, bezahlen daher die Offenbar-auf-allen-Bussen-im-Wienerwald-gültige Grundgebühr und erleben eine Fahrt von etwa eineinhalb Minuten Dauer, nach der uns dieser Mensch tatsächlich vor einer Schule aus seinem ansonsten leeren Bus aussteigen lässt. Vor besagter „Schlle“ sind auch keine Kinder, nur leere Betonflächen, somit steigt auch niemand ein, und der rätselhafte Bus verschwindet ins Nirgendwo. Wir aber retten uns durch eigene Kraft aus dem Nirgendwo und gehen gesenkten Hauptes zum weit entfernten Bahnhof.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ende der Ablenkung und Fortsetzung der Wanderung, die momentan nicht – wie eigentlich auf alten Karten verzeichnet – durch die Hagenbachklamm führt (wenigstens nicht die ganze …)

Über eine unbefestigte Schotterstraße bewegen wir uns von der B14 weg. Die Straße schlängelt sich durch gesunden Wald bergan. Bei einer Wegkreuzung mit einem Jägerhochstand führt uns die blaue Markierung auf einem schmaleren Waldweg weiter bergauf. Wir beschreiten diesen Pfad hangseitig oberhalb des sogenannten Rießgrabens und umgehen so die Hagenbachklamm, die seit den schweren Unwettern im Herbst 2024 immer noch gesperrt ist. Wenn wir auf eine Forststraße treffen, gehen wir diese nach links weiter. Nach einer unscheinbaren Kuppe führt uns die Route auch schon wieder bergab, auf eine Asphaltstraße zu. Von links führt ein gelb markierter Weg zu – wir sind hier an der Stelle, wo wir bei unserer Greifenstein-Tour (Wanderung 5 – Vom Wasser zum Wein aus dem Buch) die Straße nach Hintersdorf erreichen.

Wir gehen am linken Straßenrand weiter, marschieren nach etwa 250 m an der Ortstafel von Hintersdorf vorbei und biegen gleich danach rechts ab, der roten Markierung Richtung „Hagenbachklamm“ folgend. Auf einem Traktorweg geht es nunmehr ins Tal des Hagenbachs hinunter; bei Wegteilungen halten wir uns stets talwärts, die Markierung ist hier nur sporadisch sichtbar. Sobald wir die Klamm unter uns sehen, verlassen wir jedoch den markierten Weg und wenden uns nach links, um oberhalb des Hagenbachs auf unmarkiertem Pfad weiterzugehen. Nach etwa 50 Min. Gehzeit erreichen wir den Hauptweg durch die Klamm und biegen links in diesen ein.

Und so schaut’s aus in der Klamm (siehe Bilder oben und unten). Dort, wo wir eingestiegen sind, ist der Weg noch ein wenig verwildert, aber bei trockenem Wetter (so wie heute) durchaus begehbar, danach gibt es ein längeres Stück, wo von Unwetterschäden praktisch nichts zu bemerken ist bzw. kleine Hindernisse leicht zu umgehen sind – und nur einmal gelangen wir zu einem abgerutschten Teil des Klammwegs, wo die Reste einer Brücke unten beim Bach liegen. Hier gehen wir auf einem ausgetretenen Pfad ein paar Schritte den Hang hinauf und passieren die Stelle problemlos. Wie man am Weg (und etlichen Spaziergängern) erkennen kann, scheren sich die Leute nicht um die offizielle Sperre der Klamm, sondern gehen einfach auf eigene Verantwortung (ja, das gibt’s!) auf den gesicherten Passagen.

So erreichen wir den – mittlerweile rot und blassblau markierten – Hauptweg und halten auf ihm auf den hinteren Klammausgang zu. Nach dem Ende des offiziell gesperrten Klammwegs treffen wir auf eine breite geschotterte Straße, wo uns ein Schild nach Unterkirchbach weist, und folgen ihr nach links. Wir passieren kurz darauf die Greifvogel-Zuchtstation und einen Getränkeautomaten (1 ¼ Std.).

Auf einem asphaltierten Weg bewegen wir uns weiter, an Kinderspielplätzen, Motorikparks und Rastplätzen vorbei, auf Unterkirchbach zu. In die Hauptstraße dieser kleinen Ortschaft biegen wir rechts ein und gelangen so zum Gasthaus Hauser. Wir bleiben in Gehrichtung am Straßenrand, sehen eine Markierung für den WWW 475 und kommen an einem Kriegerdenkmal vorbei. Kurz bevor die Straße ansteigt, zweigt unser rot markierter Weg links ab – in den Naturpark Eichenhain (Tulbinger Kogel, 1 h 35 min; auch markiert mit „475“ und „04 – Österreichischer Voralpenweg. Wienerwald, Salzkammergut, Bregenzerwald“). Wir wandern nun durch die anfangs asphaltierte Kaltwasserstraße – sollten wir der Einkehr bedürfen, weil das Gasthaus Hauser z. B. Ruhetag hat, so führen bald rechts von dieser Straße Stufen zum Hotel-Restaurant Marienhof hinauf.

Etwa 500 Meter nach der Abzweigung biegen wir auf einem geschotterten Weg rechts ab; auf einem Strommast sehen wir hier einen von Hand beschrifteten rot-weiß-roten Wanderpfeil (04, 404, 475). Gleich danach geht es wieder nach rechts – ein gelber, von uns abgewandter Pfeil verweist auf den Tulbinger Kogel (475, 1 h 15 min). Wir bleiben nicht auf dem geschotterten Fahrweg, sondern wenden uns gleich wieder scharf nach rechts, um auf einem schmalen Waldweg ein paar Meter markant hinaufzusteigen und in den Wald einzudringen, wo wir bald wieder Markierungen (auch ein „404“-Wanderschild) sehen. Auf einem schönen Wander- und Reitweg, teils niveaugleich, teils sanft ansteigend, setzt sich diese Etappe fort.

Wir treten schließlich aus dem Wald heraus auf die Tullner Straße und überqueren diese, weil sich der Wanderweg direkt gegenüber – auf einem aufgelassenen Straßenabschnitt oder in der Wiese daneben – fortsetzt. Wir wandern jetzt oberhalb von Königstetten dahin und sehen von hier aus weit ins Tullnerfeld hinunter. Bei den nächsten Wandertafeln orientieren wir uns weiterhin an „Tulbinger Kogel/Leopold-Figl-Warte 30 min“, gehen kurz auf die ehemalige Jausenstation Radlherr zu und kommen auf unserem Weg sehr bald an der Waldschenke Staar vorbei.

Auf Asphalt verlassen wir nun Hainbuch; nach den letzten Häusern zweigt der rot markierte Wanderweg („Route 3 – Tut-gut-Wanderweg“, gelbes Schild mit roter „1“) nach rechts in den Wald ab – und wir folgen ihm. Auf einem schmalen, wurzeldurchzogenen Waldweg geht es nun etwas markanter bergan; wenn der Weg sich verbreitert, sehen wir eine Wandertafel, die uns anzeigt, dass es noch 5 Min. bis zur Leopold-Figl-Warte sind. Nach etwas mehr als 10 km Marsch seit dem Start erreichen wir die Warte auf dem Tulbinger Kogel und die „Station Uranus“ des von Königstetten ausgehenden Planetenwanderwegs (2 ½ Std.).

Wir befinden uns hier in bekannten Gefilden: Beim letzten Aufstieg zur Warte treffen wir nämlich auf die Wanderung 7 – Blick ins Tullner Feld aus unserem bereits mehrfach erwähnten Buch, die uns A. in die Sphäre der UFOs und Außerirdischen entführt, wie Sie diesem Bericht entnehmen können, und B. jetzt ein längeres Stück dieser Etappe begleiten wird. Das heißt, wir könnten jetzt eigentlich aufhören, den Weg zu beschreiben, und kaltlächelnd sagen: „Lesen Sie im Buch nach“, aber so sind wir nicht. Stattdessen klettern wir erst einmal die von toten Insekten übersäten Stufen auf die wacklerte Warte hinauf und blicken von dort wieder ins Tullnerfeld hinab. In den anderen Richtung sind die Bäume bereits zu hoch, um noch einen Ausblick zu gewähren. Es ist das Schicksal aller Warten, dass sie nicht mit der Natur mitwachsen – bei dieser jedoch ist jeden Moment damit zu rechnen, dass sie die Sinnlosigkeit ihrer Existenz begreift und wieder ins Universum hinausfliegt.
„Sei nicht deppert“, sagt der Singer. „Weiter im Text.“
Ist recht.

Aber eines noch, ganz kurz, versprochen. Auf der Orientierungstafel am Fuße der Leopold-Figl-Warte sehen wir noch (Bild unten), dass der Wanderweg 404 hier eingetragen ist. Also ist er doch noch nicht ganz vergessen …

Von der Warte aus geht es Richtung „Passauerhof“ bergab. Nach wenigen Minuten erreichen wir das exklusive Berghotel Tulbingerkogel. Unsere Route quert die am Hotel vorbeiführende Straße, führt auf einer schwach ausgetretenen Abkürzung quer über eine Wiese, stößt dann wieder auf die Straße und folgt dieser – mit zwei kleinen Ausnahmen, nämlich jeweils ein paar hundert Meter auf einem fast parallel führenden Weg durch einen Buchenwald. Wenn wir das zweite Mal aus dem Wald treten, erblicken wir ein kurzes Stück die Straße zurück einen Bildstock mit Gedenktafel, die an die Geschichte des Jammertals (aber jetzt wirklich in Wandern im Wienerwald nachlesen … weil zumindest Herr Hiess den ganzen Jammer endlich hinter sich lassen will) erinnert. Nach insgesamt fast 2 km auf der mäßig befahrenen Autostraße kommen wir zum Passauerhof, einer mittlerweile leider geschlossenen Gaststätte auf einem Sattel zwischen Tulbinger Kogel und Rauchbuchberg. Vor dem rechts gelegenen ehemaligen Parkplatz des Lokals ist am Straßenrand die abschließende Planetenwegstation „Pluto“ zu sehen (3 Std.).

Auf der dem Lokal gegenüberliegenden Straßenseite halten wir uns weiter auf unserem Weitwanderweg (Richtung „Riederberg-Troppberg“) und betreten einen üppigen Mischwald. Ab dem Punkt, wo die Wanderung 7 – siehe oben – nach Mauerbach links abzweigt, verlassen wir die Forststraße und wenden uns halblinks auf Rot und „1“, wo wir auf einem schmalen Waldpfad weiterschreiten. Der Weg wird dann breiter und ist auch ein Reitweg; ein Wanderschild, dem wir folgen, weist Richtung „Troppberg“. Wir bleiben auf Rot (obwohl der markierte Weg einmal einen sinnlosen kleinen Ausritt vom Hauptpfad weg macht) und kommen so in den Ortsteil Ollern-Waldheim, wo wir durch die Passauerhof- und Waldheimstraße den Riederberg erreichen. Vor dem ehemaligen Gasthof erreichen wir die Busstation, wo wir den Bus Richtung Hütteldorf nehmen (4 Std.).

Auf den Bildern oben sehen Sie zwei glückliche Menschen im Wald (die zwideren Bilder, auf denen uns die Zunge raushängt, haben wir gelöscht). Wir freuen uns, weil das Wetter schön ist, weil die Natur grünt, weil wir am Schluss dieser Etappe unsere Wanderung 8 ein Stück in der anderen Richtung beschreiten, weil wir rechtzeitig für den Bus am Riederberg eintreffen und keine Stunde auf den nächsten warten müssen und weil vor dem ehemaligen Gasthof am Riederberg ein Eisautomat steht, wo sich der Verfasser dieser Zeilen einen mittelkleinen Eisbecher kauft und vom schnellen Runterschlingen (weil Kollege Singer meint, der Busfahrer sieht es nicht gern, wenn man im Bus Eis isst – und vor Busfahrern habe ich [siehe oben] mittlerweile eine gewisse Scheu) einen ordentlichen „brainfreeze“ kriegt. Dass im Bus dann eine laute Schulklasse ihr Unwesen treibt, ist uns vor lauter Freude auch schon fast wurscht.

PS: Wenn Sie diese Etappe auch auf dem Handy haben wollen, wie das heute (statt der Benützung gepflegter Wanderbücher) üblich ist, schicken Sie uns einfach ein E-Mail – und Sie erhalten postwendend eine GPX-Datei mit den Routendaten.

WWW 404 & 444
Etappe 2
Maria Gugging – Riederberg
16,4 km

(shaw & ph)

zur 1. Etappe


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