Mauer-Power

Wir haben es lange aufgeschoben.

Ist auch nicht verwunderlich … Immerhin ist die Tour Nr. 12 – Rund um den Lainzer Tiergarten mit 24,5 km die längste in unserem bewährten Buch Wandern im Wienerwald. Deshalb steht im Serviceteil zu dieser Wanderung auch der Satz „Bei einem Gehtempo von 5 km/h etwa 5 Std.“ Ich darf den Kollegen H. A. W. Singer zitieren: „Wenn wir bei unserem normalen Tempo von vier Stundenkilometer sechs Stunden Gehzeit angegeben hätten, wäre die Strecke ja gar niemand gegangen.“

Da hat er recht. Und aus diesem Grund (und weil wir uns von unseren eigenen Geschwindigkeitsangaben nicht täuschen lassen) sind wir auch schon ein paar Jahre lang nicht außen um den Lainzer Tiergarten herumgewandert, sondern haben uns eher für eine der zwei bequemeren Varianten, die ebenfalls in unserem allwissenden Wanderführer beschrieben sind, entschieden.

Nun denn – vor einer Woche war es jedenfalls wieder so weit. Die Wetter-Apps sagten eine annehmbare Temperatur und bewölkten Himmel vorher. Bei letzterem irrten sie zwar, aber das ist sowieso nichts Neues (Zitat eines befreundeten Wirtshausstammgastes: „Die wissn ned amoi, wie des Wetter gestern woa, und da woins uns einredn, wias in zwa Wochen sei wird“). Egal, ich war sonnengecremt und mit Wüstenfuchshut ausgerüstet, sodass ich gegen acht Uhr früh von der U4-Station Hütteldorf aus aufbrechen konnte. Und recht bald obige Wandertafeln sah, deren „Zusatz“ zu meiner Überraschung darauf hinwies, dass der „Rundumadum“-Weitwanderweg rund um Wien auch außerhalb des Lainzer Tiergartens verläuft, anscheinend an beiden Seiten die Mauer entlang. Den Abschnitt im Inneren bin ich ja im Zuge der Beschreitung des erwähnten Weges bereits gegangen – aber das wird eine andere Geschichte. Oder Serie.

Der erste Teil der Strecke, der ungefähr eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt, ist nicht sonderlich attraktiv, da er – halbwegs dem Verlauf der Mauer folgend – direkt neben der Westeinfahrt dahinführt. Manchmal spaziert man zwar unter schönen Kastanien, und vor dem Forsthaus Auhof kann man sich an den dort angebrachten Tierköpfen optisch erfreuen, aber Autobahn(abfahrt) bleibt halt Autobahn(abfahrt). Erst in Weidlingau kommt man in den Wald und dort nach einem kurzen ersten Aufstieg auch an den Überresten der alten Tiergartenmauer vorbei (siehe Photo unten). Das ehemalige Hofjagdgebiet wurde nämlich im Zuge des Autobahnbaus verkleinert; erst viel später hat man dem Tiergarten dann bei Laab im Walde eine entsprechende Fläche hinzugefügt.

Mehr zu Geschichte und Gegenwart des Lainzer Tiergartens sowie Wissenswertes über den Mauerbauer mit dem Spitznamen „der arme Schlucker“ können Sie übrigens unserem bereits zweimal erwähnten Buch entnehmen, das neben 30 Wegbeschreibungen mit vielen Angaben zu Sehenswürdigkeiten und interessanten Anekdoten aufwartet.

Nachdem ich die Autobahn auf einer Fußgängerbrücke überquert und dann für den Rest der Wanderung Ruhe vor ihr hatte, ging ich durch eine schmale Zauntür und auf dem Wanderweg Nr. 44 (rot-weiß-rot markiert) nun direkt an der Mauer entlang, die zugleich die Stadtgrenze darstellt – und daher auch der eigentlich passendere Abschnitt des „Rundumadum“-Wegs ist. Zuerst wanderte ich am Rand einer Wiese dahin, und dann führte der Weg ebenso ordentlich wie schweißtreibend bergauf bis zu dem vernagelten Türl auf dem Bild unten. Rapid-Fans haben es übrigens geschafft, sich auf fast allen Abschnitten der Mauer zu verewigen …

Als ich diese Stelle erreicht hatte, wollte ich eigentlich gar nicht mehr weiter. Aber es musste naturgemäß sein, und der letzte Anstieg (siehe Bild unten) schaut ja gar nicht mehr so schlimm aus. Ab dem mit 518 m höchsten Punkt der Wanderung geht es dann aber zum Großteil recht gemütlich weiter (nur am Schluss kommt es noch zu einer ziemlichen Strapaz’).

Das nächste Teilziel ist das Laaber Tor, an dem der Maurer Planetenweg endet – und es gibt mir jedesmal einen kleinen Stich ins Herz, wenn ich lesen muss, dass der Pluto kein richtiger Planet mehr ist, sondern nur mehr ein „Zwergplanet“. Sowas tut man einfach nicht, liebe Astronomen und Besserwisser …

Gut markiert und durch schöne Waldgebiete führt der Weg dann weiter, oft sogar unmittelbar neben der Mauer. Nur einmal, an einer Stelle, wo in unserem Buch steht „Bald darauf schwenkt der Weg wieder zur Mauer hin …“, ist da nur mehr ein Drahtzaun. Naja, das gute Stück hat ja auch schon einiges mitgemacht und wird hoffentlich irgendwann wieder aufgebaut. Mauern und Grenzen haben nämlich durchaus etwas Attraktives und Notwendiges an sich …

Nach Passieren des Gütenbachtors und dem Weitermarschieren auf der asphaltierten Gütenbachstraße bog ich nicht mehr unmittelbar nach dem Haus Nr. 624 schräg auf die Wiese ab, weil die ziemlich zugewachsen war, sondern marschierte ein Stück weiter, dann am Waldrandweg geradeaus hinauf und an obigem Wasserbehälter der Wiener Hochquellenwasserleitung vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt war meine mitgeführte Wasserflasche fast leer und ich freute mich auf das Gasthaus zur Schießstätte, das als erstes Lokal auf dieser Tour ohnehin erst nach anstrengenden 16 km erreicht wird. Aber nix war’s mit einem kühlen Erfrischungsgetränk, weil Betriebsurlaub. Gemeinheit! Und wieder einmal frage ich mich, wie es sich so viele Ausflugslokale leisten können (und wie sie überhaupt auf die Idee kommen), ausgerechnet im Sommer ein bis zwei Monate zuzusperren.

Durstig ging es weiter, und mehr als acht Kilometer waren noch zurückzulegen. Wie sich die – inklusive der erwähnten Strapaz’ – genau gestalten, das können Sie wie immer in Wandern im Wienerwald nachlesen.

PS: Ich entschuldige mich noch bei den reizenden jungen Leuten, denen ich auf dem letzten Teil der Strecke beim Raufklettern auf eine katastrophal steile Steigung eine völlig verblödete Auskunft gegeben habe. Nicht einmal böse gemeint … ich war nur schon so dehydriert und erschöpft, dass ich nicht mehr gewusst habe, was ich rede. Und als mir der Fauxpas aufgefallen ist, waren die zwei schon weg. Ich kann mich nur damit trösten, dass sie den nächsten Eingang in den Lainzer Tiergarten ohnehin gefunden haben müssen, wenn sie an der Mauer geblieben sind … (ph)


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