Ruine im Regen

Keine Hitzewelle dauert ewig. Da darf man sich von der medialen Panikmache mit ihren ständigen schwer übertriebenen Wetterwarnungen einfach nicht anstecken lassen …

So war es auch diesen Sommer. Nach ein paar idiotisch heißen Tagen stellten sich endlich wieder Wolken ein, und es kühlte ab. Der Wetterbericht sagte für den Tag, den ich mir zum Wandern ausgesucht hatte, zivile Temperaturen und eventuell leichten Regen ab 11 Uhr vorher.

Also fuhr ich frühmorgens nach Heiligenstadt – auf Umwegen, weil der öffentliche Verkehr sommers in Wien dank Baustellen ebenso behindert wird wie der private, verpasste dort den Bus, erwischte aber einen Lokalzug nach Perchtoldsdorf, wo ich besagten Bus wieder einholte. Auf dem Weg nach Gablitz fielen bereits erste Regentropfen auf die Windschutzscheibe des Busses, aber noch recht zaghaft. Ich stieg bei der Station „Gablitz-Gemeindeamt“ aus und trat die Route Nr. 8An der „fürnembsten Landstrassen durch den Wienerwaldt“ aus unserem Standardwerk Wandern im Wienerwald noch vor neun Uhr an.

Beim Weg durch die Kirchengasse überquert man eine kleine Steinbrücke über den Gablitzbach, die jedes Mal ein Photo wert ist, auch bei bewölktem Firmament. Auf dem Asphaltweg, der einst zum Marienheim (mittlerweile abgerissen und verlegt) führte, begann es stärker zu regnen, sodass ich mir schon überlegte, die Tour abzubrechen. „Aber nein“, sagte ich mir, „du bist eh bald im Wald, und außerdem hast du eine Regenjacke mit.“ So rede ich mit mir. Also weiter.

Unter den Bäumen geht es erst auf blauer Markierung gemütlich dahin, bevor der Weg dann steiler ansteigt und auf den Troppberg führt. Ehrlich gesagt, ich hatte den Aufstieg schlimmer in Erinnerung – aber obwohl es mir in dieser Wandersaison aus diesem und jenem Grund an Kondition fehlt, hatte ich ihn bald hinter mir und stand bald vor der guten alten Gustav-Jäger-Warte auf dem Troppberg.

Gleich dahinter befindet sich die modernere Troppbergwarte, die zum Ersteigen einlädt, trotz der Gitterstufen, die für Schwindelfreie nicht ganz einfach sind. Aber da darf man halt einfach nicht zuviel nach unten schauen. Von oben, aus 24 Meter Höhe, ist die Aussicht auch bei Wind und Wetter gut, also hat sich die Strapaz’ gelohnt.

Nach dem Runtersteigen stehe ich wieder zwischen den zwei Warten und staune: Dies ist das erste Mal auf dem Troppberg, dass ich hier keine anderen Wanderer oder sonstigen Menschlein sehe. Wochentag und Nieselwetter – ein Geheimtip. Der Picknicktisch ist zwar nass, aber dann esse ich mein Weckerl eben irgendwo im Wald, unter Bäumen.

Weiter geht’s durch ein wie immer herrliches Waldstück Richtung Rabenstein, den Tafeln zum Riederberg und den Marken des Weitwanderwegs WWW 404 folgend (den Kollege Singer und ich bald in anderer Richtung weiterbegehen werden).

Nach dem Queren des Laabachs und später der Verbindungsstraße zwischen Riederberg und Irenental folgt ein Stück Wanderweg, auf dem offenbar der Harvester gewütet hat (siehe unten). Das gefällt keinem Wanderer – und mir schon gar nicht. Da fällt mir eine Frau ein, die ich einst gut kannte: Immer, wenn mich irgendwas geärgert hat, zum Beispiel eben ein Abholzungsgebiet, das Teile einer Wandertour verschandelte, fand sie eine Entschuldigung oder Rechtfertigung, warum „das alles so sein muss“. Sei es nun die Wirtschaft, eine Baumkrankheit oder irgendein Schädling, der Wald wurde ihrer Ansicht nach zu Recht vernichtet. Für alles und jeden fand sie eine Ausrede – nur für mich nicht.

Aber man soll nicht in der Vergangenheit wühlen und schon gar nicht umgeschnittenen Bäumen (oder schwierigen Damen) nachweinen. In den 30 Jahren, seit wir uns mit unseren Wienerwaldtouren befassen, haben wir schon wunderschöne, hohe Baum-Altbestände fallen sehen, mussten dann über kahle Hügel stiefeln und können jetzt an denselben Orten wieder durch Jungwald spazieren. Wir werden’s eventuell nicht mehr erleben, aber irgendwann steht auch dort wieder ein ordentlicher Wald.

Der Regen hält mich nicht davon ab, kurz vor Erreichen des Riederbergs den in unserem wertvollen Wanderbuch angegebenen Abstecher zur Klosterruine „Sankt Laurentius im Paradies“ zu machen. Dort schüttet es dann kurze Zeit ein bisschen heftiger, also stelle ich mich kurz unter, trinke ein paar Schluck Wasser und kehre erst nach einer kurzen Andacht wieder zum Hauptweg zurück …

… auf dem ich nach etwa einer Viertelstunde durch ein schönes Waldstück den Riederberg erreiche.

Der ist leider nicht weiter bemerkenswert, seit das Gasthaus auf der Passhöhe zugesperrt hat, also setze ich die Tour umgehend fort, werde immer wieder von leichtem Regen begleitet, aber irgendwann kommt sogar für kurze Zeit die Sonne heraus. Jedenfalls: Wie die Route genau weitergeht, das erfahren Sie in besagtem Werk Wandern im Wienerwald. Wisse jedoch, lieber Leser (gilt natürlich auch für die liebe Leserin), dass das Restaurant Thalassa in Allhang, das wir im Zuge der Tour erreichen, seit neuestem einen Ruhetag hat, nämlich Dienstag. Und dass der Rest des Weges sich einfacher gestaltet, weil besser markiert, als noch vor ein paar Jahren.

Und, ganz wichtig: Im Wald ist es immer schön, auch bei Regen. Man muss nur richtig ausgerüstet sein, äußerlich wie innerlich.

Ende der Predigt. (ph)


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