Zeitkapsel 003: Königalm und Nebelkareck 30.09.2016

Gerhard Hallstatt gibt uns die Ehre, in unregelmäßigen Abständen einige seiner „Zeitkapseln“ in unserem Blog zu veröffentlichen: Photographien von einzelnen „magical mystery tours“ mit Tagebuchaufzeichnungen.

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Dramatis personae: Border-Collie-Hündin Fibi, Murmeltiere
Schauplatz: Königalm, Nebelkareck, Zauneralm – Lungau, Salzburg-Land

„Um halb acht frühstückte ich auf der Königalm auf 1667 m. Ich packte alles. Mein Plan war, entweder ins Tal nach Hüttschlag oder Kleinarl abzusteigen oder noch eine Nacht auf der wunderbaren Königalm zu verbringen. Der Himmel war wolkenlos. Die schwarzweiße Border-Collie-Hündin Fibi begleitete mich leichtfüßig durch das Riedingtal. Ihre Augen waren braun, ihr Blick treuherzig. Ich hatte wenig Lust aufs Tal, wußte aber gleichzeitig, daß am Wochenende das Wetter anders werden sollte. Die Hündin jagte Murmeltiere, für diesen Lungauer Winterspeck aber war sie nie schnell genug. Bis auf fünf Meter kam sie an ein Murmeltier heran. Es flüchtete in den rettenden Bau. Wie wurden Murmeltiere gar so fett? Was fraßen sie? Für die Hündin war in der Bergwelt vor allem der kulinarische Bereich interessant: die Murmeltierküche. Die Zubereitung von Murmeltierbraten. ,Wo sind die Murmeltiere jetzt? Schlafen sie schon? Wecken wir sie auf!‘ sagte ich zur Hündin. Sie bewegte sich fast lautlos, vor mir, hinter mir, neben mir.

Kurz nach zehn Uhr war ich auf 2150 m. Die Hündin war noch immer bei mir. Ob sie die Entscheidung für mich treffen würde? Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß ich jetzt für zwei denken mußte. Hoffentlich trafen wir auf keinen Jäger, hoffentlich auch auf keine Kühe – denn wenn Rinder, die zwischen Wölfen und Hunden nicht unterschieden, Fibi verscheuchen wollten, sie aber ganz in meiner Nähe blieb, konnte es auch für mich etwas gefährlich werden. Junge Gemsen brachten sich vor Fibi in Sicherheit.

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Um elf Uhr waren wir auf 2400 m, um halb zwölf waren wir auf dem Nebelkareck auf 2535 m. Ich machte Photos der Hündin mit dem Gipfelkreuz und dem Gipfelbuch. In der Ferne sah ich einzelne Wolken. Ich schrieb Aida von der Hündin Fibi, die mich begleitete – sie schrieb zurück, ich solle ihr ein Bussi geben. Ich tat es, und sie wollte noch mehr Bussis. Ich gab ihr Wasser aus der hohlen Hand.

Da mir die Hündin wohl bis zum Murtörl und vielleicht auch wirklich bis ins Tal folgen würde, wie es mir mit einem anderen sehr zutraulichen Hund schon einmal im Bucegi-Gebirge in Rumänien geschehen war, änderte ich meinen Plan und ging in Richtung Tappenkarsee. Von dort würde ich dann zur Königalm zurückzukehren.

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Bei den kleinen Seen zwischen Haselstein und Haseljoch photographierte ich Fibi im Wasser, im Hintergrund das unverkennbare Weißeck, das viel heller war als alle anderen Berge der Umgebung. Die Spiegelungen des Gebirges und der Hündin in den kleinen Bergseen waren reizvoll. Die letzten zweihundert Höhenmeter vor der Alm rannte sie, sie wußte, daß sie gleich zu Hause sein würde. Dann aber wartete sie doch, ob ich auch wirklich nachkam. Ich war gerührt.

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Um fünfzehn Uhr waren wir wieder bei der Königalm. Ich erfuhr vom Sohn des Hüttenwirts, daß die Hündin erst ein Jahr alt war. Sie war eine Hirtenhündin, im Sommer hütete sie Kühe und Schafe, die waren aber jetzt schon im Tal. Heute bestand ihre Herde aus einem einzelnen Wanderer mit einem dunkelgrünen Rucksack, den sie zuverlässig zur Hütte zurückgebracht hatte.

Ich ging zur Zauneralm, die ganz in der Nähe war, und kaufte eine Lärchpechsalbe. Ich sprach mit der Frau auf der Alm über Heilmittel und Liköre, ich erzählte von meinen eigenen Likören mit Lorbeer oder Salbei. Lärchenpech wurde früher auf Wunden gegeben. Aus Pechöl machte man auch Pflaster. Die Boasalbenbrenner sammelten Knochen, zerhackten sie und kochten daraus auf dem offenen Feuer eine übelriechende schwarze Salbe, ein Heilmittel für das Vieh.

Die Frau erzählte mir, daß eine ihrer Katzen vor zwei Tagen auf dem Weißeck war, das 2711 m hoch war. Ich war ein bißchen traurig, daß sie nicht vor drei Tagen auf dem Gipfel war, denn an diesem Tag war ich auf dem gleichen Berg. Zwei Wanderer hatten die Katze auf dem Gipfelgrat gesehen. Da sie recht müde wirkte, trug sie einer im Rucksack ins Tal. Heute war die gleiche Katze schon wieder verschwunden. Wer weiß, was sie heute erkundete. Ich machte es mir abends in der Königalm gemütlich. (…) Um sieben Uhr auf. Als mich die Hündin sah, wollte sie gleich, daß ich mir meine Schuhe anziehe.“

(Gerhard Hallstatt: Lungau-Tagebuch, 30.09.2016)

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Biographisches und Links zu Gerhard Hallstatt finden Sie in seiner ersten Zeitkapsel.

 


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