Zeitkapsel 010: Ostersonntag im Heidentor, 12.04.2020

Gerhard Hallstatt gibt uns die Ehre, in unregelmäßigen Abständen einige seiner „Zeitkapseln“ in unserem Blog zu veröffentlichen: Photographien von einzelnen „magical mystery tours“ mit Tagebuchaufzeichnungen.

Dramatis personae: Ein Osterhase. Ein Würgeengel.
Schauplatz: Heidentor, Carnuntum, Niederösterreich

„Ostersonntag, 12.04.2020. Nachts hatte es kurz geregnet. Jetzt aber war der Himmel wieder blau. Ich unternahm etwas Verbotenes: Ich saß im Zug ins niederösterreichische Petronell-Carnuntum. Mein Ziel war das Heidentor. Durch eine fast schon abergläubische Corona-Angst herrschte in Österreich und vielen anderen Ländern ein Ausgangsverbot. Gestattet war nur ,Unaufschiebbares‘ – der Weg zur Arbeit, in einige wenige Geschäfte, zu Ärzten. Lockdown hieß der Fluch, Abstand war das große Zauberwort. Was aber konnte  ,unaufschiebbarer‘ sein als Ostern? Ich kam mir fast verwegen vor, weil ich es wagte, auf eigene Faust unterwegs zu sein. Ein kleiner Plüsch-Osterhase und drei farbenprächtige Ostereier aus Bukarest leisteten mir Gesellschaft. Würden meine Begleiter und ich ohne Schwierigkeiten zum Heidentor kommen? Auf mögliche Fragen würde ich antworten, ich sei eine ,Schlüsselkraft der kritischen Infrastruktur‘, die im Museum Carnuntinum arbeite. Niemand aber fragte etwas, ich blieb unbehelligt. Auch für meinen Fahrschein interessierte sich niemand. Der Zug war menschenleer. Etwas Unwirkliches lag in der Luft. Auch beim Flughafen stieg niemand aus oder ein – als herrsche tatsächlich eine gefährliche Seuche, als sei ich einer der letzten Statisten in einem dystopischen Film, in dem die meisten Schauspieler längst das Zeitliche gesegnet hatten und verwesten. Selten sah ich in der Ferne vereinzelte vermummte Figuren – wohl Komparsen wie ich. Auf vielen Warntafeln im Zug und auf den Bahnhöfen waren Corona-Viren abgebildet. Sie wirkten wie überlebensgroße Kastanien.

Ich blickte aus dem Fenster. Am Horizont erkannte ich Dutzende Windräder. Irgendwo zwischen ihnen befand sich unscheinbar und unsichtbar mein Ziel. Kurz darauf stieg ich in Petronell-Carnuntum aus dem Zug. In etwa ein Kilometer Entfernung entdeckte ich am Horizont mein Ziel. Die Frühlingsluft war wunderbar. Auf dem Feldweg zum Heidentor war mehr Leben als in der toten Stadt – ein Fasan begegnete mir, ein Hase, ein Reh. Hoch über mir kreisten zwei Bussarde, glücklicherweise hielten sie großen Abstand zu den für sie gefährlichen Windrädern.

Dann war ich beim Heidentor. Eine Familie machte ein Picknick im Gras, einige Radfahrer legten eine Pause ein. Alles war friedlich, ruhig, die Paranoia der Städte war hier ein echtes Fremdwort, und ich erkannte: Das Heidentor war Raumkapsel und Zeitkapsel zugleich. Hier war die Welt noch in Ordnung, Bienen summten., Besucher kamen und gingen. Immer wieder war ich alleine. Ich war froh, mein kleines Abenteuer gewagt zu haben, dachte an eine einsame Sonnwendnacht, die ich einmal im Heidentor verbracht hatte, auf den Spuren des geheimnisvollen Guido von List und seiner Deutsch-Mythologischen Landschaftsbilder, der geplant hatte, aus Carnuntum einen ,geistigen Curort‘ zu machen.

Im Zug hatte ich in meinen Notizen zum Heidentor geblättert und dem kleinen Osterhasen manches vorgelesen. Einst glich es einem großen Würfel mit einer Seitenlänge von fünfzig Fuß, der nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet war. In den vier senkrechten Seiten hatte er Torbögen. Heute aber war von diesem Würfel fast nichts mehr übrig, ,alea iacta est‘ – der Würfel ist gefallen. Nur ein einzelner Torbogen hatte den Zahn der Zeit, der Geschichte, des Christentums überlebt. Heute erschien das Heidentor nur noch als ein Schatten seiner selbst, denn ,zu Lebzeiten‘ war es purpurrot und anthrazitgrau bemalt – Archäologen hatten Reste von Farben auf dem Mauerwerk entdeckt. Einst soll es ausgesehen haben wie das Janus Quadrifrons in Rom; dieses ebenfalls würfelförmige Bauwerk hatte ich vor einigen Jahren besucht. Es hatte die gleiche Größe. Ob beide gleichzeitig erbaut wurden? Allerdings hatte es das Heidentor in seiner einsamen Lage heute wesentlich besser als sein römischer Zwilling, der in einer echten Verkehrshölle in der Nähe des Tiber hauste.

Bei Grabungen stießen Archäologen im Heidentor auf zahlreiche eingemauerte Weihesteine – aus Tempeln für Diana, Iupiter, Merkur, den Waldgott Silvanus. Daß Kultstätten auf diese Weise enteignet, entweiht werden konnten, war zweifellos erst möglich, als der Glaube an den römischen Pantheon kraftlos geworden war oder vom Staat verboten wurde. In der Mitte des farbenprächtigen Würfels stand einst auf einem Sockel eine Statue. Vielleicht war es die von Kaiser Constantius II. Er hatte im Jahre 354 antiheidnische Gesetze erlassen. Seltsamerweise wurde fast zur gleichen Zeit das Heidentor errichtet – sehr wahrscheinlich zwischen 354 und 361. Man wußte das durch Funde von dreihundert Münzen. Sein Vater Constantin hatte das Christentum im römischen Imperium erlaubt, der Sohn ging noch einen Schritt weiter. Das sogenannte Heidentor war also bereits ein frühchristliches Bauwerk, eine Manifestation des neuen Monotheismus gegen die alten römischen Religionen. De facto diente es als eine Art heidnischer Friedhof, Karner oder auch Kerker. Ob auch etwas von Mithras eingemauert worden war? In nächster Umgebung hatte es mehrere Mithräen gegeben. Eines der Mithras-Reliefs war so gewaltig, daß der Einfachheit halber das Museum Carnuntinum in Bad Deutsch-Altenburg um das Kunstwerk errichtet wurde – auch das eine Art Einmauerung. Im Grunde fehlte auf dem Heidentor nur ein Kreuz. Daß Götter offenbar ein Ablaufdatum hatten, war eine merkwürdige Vorstellung. Mit Göttlichem verbindet man ja Ewigkeit, Unsterblichkeit. Und tatsächlich starben viele Götter als junge Helden; ganz offensichtlich trat auch Halbgott Jesus in ihre Fußstapfen.

Ich machte mich auf den Weg zum Amphitheater. Dort lebten Ziesel in unterirdischen Bauten mit vielen Ein- und Ausgängen. Ich beobachtete sie einige Zeit. Sie waren neugierig und scheu zugleich. Wer weiß, was für archäologische Schätze sie in ihren Kammern hüteten. In der Nähe befand sich auch eine kleine kreisförmige Gladiatorenschule, deren Grundrisse erst 2011 entdeckt worden waren. Sie war aus Holz rekonstruiert worden. Die Arena war mit ockerrotem Sand bedeckt. Der Ort war noch einsamer als das Heidentor, ich war ganz alleine dort. Im Ort Petronell-Carnuntum stand ich plötzlich vor der ,Legionskneipe Carnuntum‘. In dieser Zeitkapsel der besonderen Art wäre ich gerne ,unaufschiebbar‘ eingekehrt. Leider aber lag auch diese Kneipe in einem künstlichen Dornröschenschlaf. In der Nähe war das Museum Carnuntinum, selbstverständlich ebenso ,zugenagelt‘. Ich ging zu den Ausgrabungen der ,Römerstadt Carnuntum‘, stieg über einen niedrigen Zaun und betrachtete einige Zeit die Rekonstruktionen. Ich rechnete mit dem Zuruf eines aufmerksamen Wächters, aber auch dort blieb ich ungestört.

Ich verließ den ,geistigen Curort‘ und saß bald wieder in meinem leeren Zug zurück in die Großstadt. Wieder gab es keine Fahrscheinkontrolle. Ich dachte an den Film Würgeengel (El angel exterminador) von Luis Buñuel, in dem die Besucher einer Veranstaltung plötzlich Angst davor hatten, ein Haus zu verlassen. Ein eigentümlicher Bann hielt sie davon ab. Sie blieben tagelang im Inneren. Ein Gast starb, andere gingen in den Freitod. Auf unsichtbare Weise gewürgt wurde nicht nur in diesem Film, im Würgegriff befand sich in der Gegenwart auch eine ganze Gesellschaft. Wer aber würgte? Nicht ein Engel, nicht ein Virus … Machthaber und Medien waren  dafür verantwortlich, deren Panikmache bei einem großen Teil der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fiel.

Dann war ich wieder in Wien. Ich ging zum Stephansdom, stand auf der Nordseite der Außenmauer vor dem Grabstein des deutschen Gelehrten Conrad Celtis mit der Inschrift VIVO in einem Lorbeerkranz, die ich in gleicher Form schon vom Grab von Gustav Meyrink in Starnberg kannte. Auch dieser Grabstein war eingemauert, allerdings sichtbar. Ich ging zum Eingang des Stephansdoms und stellte überrascht fest, daß das Tor offen stand. Bildete ich mir das ein? Ich dachte an eine Szene im Steppenwolf von Hermann Hesse, in der der Held in einer Mauer den Eingang zum Magischen Theater zu entdecken glaubt, Die beiden Türme links und rechts des Tores hießen vermutlich Heidentürme, weil auch in sie große Mengen römischer Baustoffe eingemauert worden waren. Vielleicht enthielten sie Dutzende oder Hunderte Weihesteine und Altäre aus vorchristlichen Tempeln. Ich trat ein. Im Inneren war nur eine Handvoll Gläubige. Es duftete nach Weihrauch, der aus einer großen schwarzen Schale aufstieg. Wenn ich nicht irrte, war dies der erste Ostersonntag meines Lebens, an dem ich eine Kirche aufsuchte. Ich machte mich auf den Heimweg. (Gerhard Hallstatt: Heidentor/Carnuntum-Tagebuch 14.04.2020)


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