Zeitkapsel 004: Schwäne im Eis 25.02.2018

Gerhard Hallstatt gibt uns die Ehre, in unregelmäßigen Abständen einige seiner „Zeitkapseln“ in unserem Blog zu veröffentlichen: Photographien von einzelnen „magical mystery tours“ mit Tagebuchaufzeichnungen.

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Dramatis personae: Schwäne
Schauplatz: Donau

„Ich fuhr mit dem Rad zur Donau. Viel Eis trieb auf dem Wasser, ich dachte an Caspar David Friedrich. An der Neuen Donau war noch mehr Eis, Bruchstücke, kleine Schollen. In einer Bucht schwammen einige Schwäne nahe dem Eis. Sie waren vollkommen lautlos. Nur das Eis knirschte, knisterte, als bewege sich darunter Feuer – das Licht der Sonne. Die Schwäne erschienen wie ,Tropfen schöner Zeit‘ (Yukio Mishima), als seien sie selbst aus dem Eis entstanden, weiß und rein und unbeeindruckt von der Kälte. Hinter den Schwänen sah ich die weiße Pagode am Donau-Ufer.“ (Gerhard Hallstatt, 29.01.2006)

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„Ich las Yukio Mishima, ,Schnee im Frühling‘. Mit dem Rad war ich wieder auf der Donauinsel. Zwei Schwäne auf absinthgrünem Eis, goldenes Sonnenlicht, im Hintergrund die weiße Pagode. Bis auf zwei Meter kam ich an sie heran.“ (Gerhard Hallstatt, 31.01.2006)

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„Ich fuhr zur Donau und hatte die alten Photos mit, die ich vor vielen Jahren von den Schwänen im Eis gemacht hatte. Diese alten Bilder, ursprünglich Diapositive, hatte ich jetzt quadratisch zugeschnitten, um sie den Schwänen zu zeigen: eine Ausstellung nur für Schwäne. Anlocken wollte ich sie mit Getreidekörnern. Aber weder meine Kunst noch meine Körner schienen die wenigen Schwäne zu interessieren. Ich hatte die Photos am Ufer ausgebreitet, auf Kieselsteinen, im Schnee. Erst als ich einzelne Photos ins Wasser warf, weckten sie für kurze Zeit das Interesse der schönen Tiere. Aber ich stellte bald fest, daß sie etwas anderes erwartet hatten. Einige gute Bilder gelangen mir. Meine Idee war, in einigen Tagen den Schwänen auch meine neuen Photos zu zeigen, auf denen dann die Schwäne sich selbst sehen konnten, wie sie ein schwimmendes Photo betrachteten. Ob sie sich selbst erkennen würden?“ (Gerhard Hallstatt, 25.02.2018)

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Gerhard Hallstatt: Wir sind Schwäne

wir sind Schwäne

die weiß sind wie Eis
die weich sind wie Schnee

siehst Du
die Schwäne im Eis

sie sind
mehr Engel als Tier

die Schneeflocken
tanzen

die Schwäne
schweben

sie bewegen sich nicht

die Kälte
macht ihnen nichts aus

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Biographisches und Links zu Gerhard Hallstatt finden Sie in seiner ersten Zeitkapsel.


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