Vom „armen Schlucker“

Wir erlauben uns hiermit, Ihnen voller Freude einen weiteren neuen Gastautor vorzustellen. Manfred Hartl, zertifizierter Austria-Guide mit umfassendem Wissen über die österreichische Geschichte, wird in Zukunft unser „Wandern im Wienerwald“-Team thematisch bereichern, indem er die geschichtlichen Aspekte rund um den Wienerwald aufgreift. Gleich zu Beginn widmet er sich einer in Österreich gängigen Redewendung, die ihren Ursprung im Wienerwald hat und an deren Thema Sie im Zuge der Wanderung 12 in unserem Buch „Wandern im Wienerwald“ entlanggehen. Viel Vergnügen beim Lesen!

Bei uns sagt man, wenn man von einem armen (als das Gegenteil von wohlhabenden) Menschen männlichen Geschlechts spricht, der sei ein „armer Schlucker“.

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen erzählen, wie es dazu gekommen ist:

Kaiser Joseph II., der reformwütige Sohn Kaiserin Maria Theresias, wollte den Lainzer Tiergarten mit einer Mauer einfrieden lassen. Er holte dazu Angebote von verschiedenen Wiener Anbietern ein. Unter den versammelten Baumeistern, die sich in der Hofburg einfanden, war auch ein seltsamer, sehr bäuerlich aussehender Mann aus Alland, in der damals für Landleute üblichen Tracht mit Filzhut, Lodenumhang und genagelten Schuhen. Die feinen Wiener Unternehmer forderten ihn auf, aus der Hofburg zu verschwinden, weil ein Mann in diesem Aufzug dem Kaiser nicht zuzumuten wäre. Darüber entstand ein Tumult – und als der Kaiser endlich eintrat und fragte, was denn hier los wäre, sagte der Mann aus Alland, der Philipp Schlucker (1747-1820) hieß, dass er seiner Majestät auch ein Angebot zum Bau der Mauer machen wolle.

So kam es, dass Schlucker dem Kaiser den Mauerbau um ein Sechstel des Preises anbot, den seine Kontrahenten verlangen wollten.  Er bekam den Zuschlag und errichtete zwischen 1782 und 1787 die 24 km lange Mauer, von der heute noch Teile stehen.

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Noch heute existieren Teile der Originalmauer.

Dass seine Kollegen mit Schluckers Preisdumping nicht glücklich waren, versteht sich von selbst. Man war sich einig, dass er mit dem Bau nicht reich werden würde, und nannte ihn abfällig den „armen Schlucker“. Die Legende erzählt, dass Philipp Schlucker die noch ärmeren Tagelöhner und Waldarbeiter aus dem Wienerwald zum Mauerbau aufbot. Vielleicht gab es damals ein ähnliches Lohngefälle zwischen Wien und Alland wie heute zwischen Österreich und der Slowakei …

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Die ursprünglich 24 km lange Stein- und Ziegelmauer wurde von Johann Nestroy scherzhaft „das Junge der Chinesischen Mauer“ genannt.

Kaiser Joseph soll mit der Ausführung der Mauer höchst zufrieden gewesen sein und ernannte Schlucker in Würdigung seiner Verdienste zum „Waldamt-Baumeister“. Zudem schenkte er ihm in Alland ein Grundstück, wo sich der Baumeister ein Gasthaus baute, das er „Bergwirtshaus“ nannte. Dort starb er 1820, hochbetagt und hochgeehrt.

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Erst in den Wirren am Ende des 2. Weltkriegs ist dieses Haus zugrundegegangen. In Alland, im Gemeindepark, hat man dem „armen Schlucker“ später dieses Denkmal errichtet:

Denkmal vom "Armen Schlucker"
Das Denkmal für den „armen Schlucker“ im Gemeindepark von Alland (Foto: © Allander)

 

Über den Autor dieses Beitrags

Manfred kleinGeschichte und Geschichten begeistern mich ein Leben lang. So habe ich meine Berufung zum Beruf gemacht und bin jetzt Austria-Guide. Wenn Sie einen Begleiter und Guide für einen Tag oder Nachmittag brauchen, rufen Sie mich an. Ob Burg, Stift oder Stadt – ich begleite Sie gerne und habe viel zu erzählen!

Manfred Hartl: +43 664 73 90 55 23
Mail: manfredhartl@gmx.at
Website:  https://www.guide-manfred.com


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