Fußreise in die Vergangenheit

Da muss man einfach durch.
Im Wanderführer steht, dass man sich die heutige Etappe (und die gestrige auch schon) eigentlich sparen könnte, weil sie ohnehin nur Abstecher in den Dunkelsteinerwald macht. Stattdessen soll man doch einfach an der Donau entlanggehen und sich so viel Zeit und viele Kilometer ersparen.
Da spricht einiges dagegen: 1. sagt das kluge Buch, dass man sich den Weg an der Donau dann halt mit den Radlern teilen müsse. Was nicht geht, weil man sich mit diesen unsäglichen und rücksichtslosen Kreaturen erfahrungsgemäß eben keinen Weg teilen kann; die fahren lieber so knapp vorbei, dass sie am Fußgänger anstreifen oder ihn gar umwerfen; 2. hätten wir gestern so manches verpasst, wenn wir nicht in die Hügel hinaufgegangen wären, zum Beispiel die Burgruine Aggstein oder das gottverlassene Maria Langegg; 3. wenn die Markierung sagt, dass der Jakobsweg im Dunkelsteinerwald verläuft, dann folgt man eben der Markierung und macht nicht irgendwas; und 4. wartet auf der heutigen Etappe ein Stück Vergangenheit auf mich, alle möglichen Erinnerungen — und nicht nur gute —, viel mehr noch auf den Wegteilen in Wien und um Wien herum, wo man immer schon irgendwas erlebt hat.
Wie diese Erinnerungen genau aussehen, das ist privat und geht nur mich was an. Aber, wie gesagt: Da muss man durch. Und sich einfach vom Weg leiten lassen. Der weiß schon, was er tut. Auch wenn er nicht das Ziel ist, sondern der Weg. Und ein Mittel zum Zweck. Wer nämlich durch seine Vergangenheit geht, kann sie hinter sich lassen.

Aber fangen wir in der Früh an, sehr früh, kurz nach sechs, wo uns beim ersten Blick aus dem Fenster schon die Morgennebel über der Wachau und ein Ausflugsschiff auf der Donau erwarten. Ein Stockwerk unterhalb erfreuen wir uns dann an einem gelungenen Frühstück, das uns das Pensionswirtenehepaar freundlicherweise zubereitet hat, und machen uns dann wohlgenährt und zufrieden auf den Weg.

Zuerst heißt es allerdings wieder durch den ganzen Ort hinauf, zu der Stelle, wo der Jakobsweg die Straße kreuzt. Da es um die Zeit temperaturmäßig noch relativ angenehm ist, macht dieses erste Stück keine Mühe; dafür stoßen wir gleich nach der Kurve auf eine Sehenswürdigkeit, die uns dem Herrn dafür danken lässt, dass wir eben genau den vorgezeichneten Weg gegangen und nicht an der Donau, bei den Unsäglichen, geblieben sind: die Kartause Aggsbach, in der wir an diesem Tag die ersten Besucher sind und die Ruhe genießen können, die einem Kartäuserkloster eigen ist (oder wenigstens sein sollte).

Aggsbach ist die „jüngste“ – aber immerhin bereits im Jahr 1380 gestiftete – der drei österreichischen Kartausen (die anderen befinden sich in Mauerbach bei Wien und in Gaming; alle drei sind sehens- und besuchenswert). Die Klöster dieses kontemplativen Ordens, dessen Mitglieder sich dem Gebet und dem Schweigen widmen, wurden im Zuge der Reformen des österreichischen Kaisers Joseph II. aufgehoben; der Herrscher wollte – kurzsichtigerweise – nur mehr Klöster, die der Gesellschaft nützlich sind. Wie nützlich ein Leben des Schweigens in unserer Zeit des andauernden dummen Gefasels wäre, das lässt sich in Worten kaum ausdrücken. Das Kartäusermuseum (Eintritt frei) ist jedenfalls ein Ort der Stille und der Inspiration; wer sich nach dem Besuch nicht wünscht, selbst wenigstens einmal ein paar Wochen an einem solchen Ort der Ruhe, des Glaubens und des Nachdenkens zu verbringen, der ist auf einem Pilgerweg ohnehin schlecht aufgehoben.

Nach diesem Höhepunkt des Tages marschieren wir auf der Straße Richtung Gerolding und Melk weiter, bis rechts ein Weg abzweigt, der uns ein Stück bergauf über Wiesen und durch Waldstücke führt; im Zurückblicken können wir noch einmal die Ruine Aggstein betrachten (mittleres Bild – am gescheitesten anklicken und so vergrößern). Danach geht es wieder auf die Straße hinunter und an deren Rand elendslang weiter, durch die Ortschaft Wolfstein, die nicht wirklich viel zu bieten hat.

Kurz vor dem Ortsende zweigt der Jakobsweg rechts ab – und bringt mich auf bekanntes Terrain. Hier war ich in und mit obgenannter Vergangenheit schon unterwegs und erkenne einiges wieder, wenn auch nicht jedes Marterl oder den Stoffaffen zwischen den Wegweisern (Bild Mitte) und die seltsamen holzgeschnitzten Figuren (rechts), die mitten im Wald aufgestellt sind. Auf dem Kreuz links finden wir übrigens wieder einen der bemalten Mitnehmsteine, die uns auf diesem Weg schon öfter begegnet sind. Der Gedanke dahinter ist, dass man einen einsteckt und ein paar Kilometer weiter (oder Tage später) für den nächsten Wanderer anderswo hinterlässt; natürlich nicht, ohne dies alles in den angeblich sozialen Medien zu dokumentieren. Da ich mit denen nichts zu tun haben und außerdem keine Steine mitschleppen will, übernimmt meine geliebte Gattin diese Aufgabe …

… während ich mich seelisch auf Gerolding vorbereite, einen Ort, der ein paar Jahre in meinem Leben eine Rolle spielte. Und hoffe, dass ich an diesem Samstagspätvormittag dort bitte niemanden treffe, den ich von einst kenne. Mein Wunsch wird erfüllt. Wir betrachten noch die ärmlich-traurige Lourdesgrotte (sie war finster; nur der Kamerablitz hat sie so erleuchtet wie auf dem Bild rechts unten) in der Wehrkirche des Dorfs und folgen dann dem Wegweiser eine stark ansteigende Straße hinauf, an einem durch seinen Geruch unverkennbaren Schweindl-Großbauernhof vorbei und danach wieder ein Stück bergab.

Jetzt verläuft der Weg etwas anders, als die diversen Pilgerweg-Führer es ankündigen. Er ist trotzdem gut markiert und führt uns wieder durch Wald bergab, nach einer kleinen, forstlich bedingten Umleitung zu einer praktischen Jausenbank und dann wieder ein Stück bergauf in die Ortschaft Hohenwarth, …

… gefolgt von dem am Hügel liegenden Berging, von welchselbigem Dörfchen man einen schönen Ausblick hinunter zur Donau (und wieder ein wenig in die Welt der Erinnerung) genießen kann.

Zur Donau kommen wir nach einer längeren Straßenpassage und mittlerweile bei gnadenlos gleißender Sonne aber auch, direkt neben dem Schloss Schönbühel, das imposant neben dem Weg aufragt und sich bis heute in Privatbesitz befindet (mir soll noch einmal jemand einreden wollen, dass der Adel abgeschafft ist).

Wir bleiben im Ortsgebiet von Schönbühel und schleichen durch die Hitze auf einer der vielen Straßen weiter, die offiziell den Namen „Jakobsweg“ erhalten haben. Ein Straßenschild weckt unsere Neugier: Ist es eine moderne Interpretation von Munchs „Der Schrei“, wie die Gattin vermutet? Aber nein, das sind ja gar nicht die Hände, die die dargestellte Person sich um den Kopf schlägt, sondern ihre Haare. Meine Interpretation: Achtung, im Gebüsch lauert eine Gummi-Sexpuppe auf unbedarfte Passanten!

Nun folgt wieder eine ordentliche, schweißtreibende, wenn auch gottlob nicht zu lange Steigung im Wald, gleichverlaufend mit dem Welterbesteig, der uns wieder auf die Hügel, über Feldwege durch die Ortschaft Hub, vorbei an einem pflichtbewussten Rasenmähroboter, der gar nicht mehr weiß, was er auf diesem kurzgeschnittenen Rasen noch mähen soll, wieder zu einem relativ unguten (für die Füße) Abstieg und zur Pielachmündung bringt. Kenne ich, dort war einmal ein netter Heuriger, der wegen einer Überschwemmung zuviel irgendwann aufgegeben hat …

Auf ebenfalls bekanntem Weg geht es durch den Wald an der Pielach entlang stromaufwärts, dann endlich über die Pielach und schließlich durch den unattraktiven Ortsteil Spielberg zum „Hintereingang“ von Melk. Man geht und geht, man schwitzt und schwitzt …

… bis man endlich das Stift vor und leicht unter sich sieht. Zur Offenlegung, zwecks Vergangenheitsbewältigung: Ich habe einmal in Melk gewohnt, eher versehentlich und ganze eineinhalb Jahre lang, obwohl ich nach einem halben Jahr schon wusste, dass ich unbedingt nach Wien zurückmusste, Grünwähler und Piefke-Invasion hin oder her. Wenn einem sowas passiert ist, dann ist man froh, das Stift zur Abwechslung von oben zu sehen; die Bewohner der Altstadt (deren ich so kurzfristig einer war) sehen es nämlich immer nur von unten, wie es sommers wie winters erdrückend über ihnen aufragt und alles hier beherrscht. Nein, aus … schließlich will ich die Neurosen von früher hinter mir zurücklassen!

Wir legen also unsere Rucksäcke in einen Spind (der bei Abholung nicht einmal mehr den Euro zurückgibt; die Kirche weiß schon, wo sie das Geld hernimmt …) und besichtigen die zu besichtigenden Räumlichkeiten des Stifts. Und nicht nur wir – es sind wahre Touristenhorden, die da durchgeschleust werden, begleitet von Fremdenführern, die in allen Sprachen brüllen, von einem Raum zum anderen weiterdrängen und dabei die Besucher behelligen, die keiner Gruppe angehören. Es gibt eine neue Ausstellung über das Stift, die hier zu sehen ist und die damals, als ich hier weilte, noch nicht existierte. Und die ist, siehe unten, nur deppert. Bunte Lichter überall, schwer lesbare Schriften auf Glas, sinnlos montierte Figuren. Da hatten sicher irgendwelche „Kuratoren“ ein vor Gefasel strotzendes „Konzept“, das sie hier realisieren durften, vielleicht sogar als „Pop-up-Ausstellung“; man wird es nie erfahren, weil man nicht mehr hierherkommen wird, ob mit Niederösterreich-Card oder ohne. Sowas passiert, wenn eine jahrtausendealte Institution glaubt, sie muss sich der modernen Zeit anpassen. Fehlgeleitet, wie seinerzeit die Jazzmesse. Und da wundert man sich, dass „ka Glauben mehr is unter die Leit“ …

Andererseits: Die Stiftsbibliothek und die überladene, aber sehenswerte Kirche konnten auch diese Ausstellungsgangster noch nicht kaputtmachen.

Was sonst zu sagen ist: Wir kehren auf eine Jause im Schanigarten des Rathauskellers in der Melker Fußgängerzone ein, sind angenehm überrascht und reservieren daher auch gleich einen Tisch für den Abend. Dann beziehen wir unser vorbestelltes Zimmer in einem Gasthof, der adäquat, aber nicht extra erwähnenswert ist, weswegen er hier auch nicht extra erwähnt sei. Beim Abendessen vor dem Rathauskeller haben wir dann die nette Begegnung, von der ich schon im vorhinein gewusst habe, dass wir sie haben werden (es gibt ja doch einen Glauben unter die Leit), plaudern eine Zeitlang – und lassen Melk dann schlafen gehen.

In meinem Notizbuch halte ich noch fest, dass ich „langsam zum (ein bissl) praktischen Menschen mutiere“. Keine Ahnung, was ich damit gemeint habe. Anscheinend ist mir irgendwas gelungen, was unter normalen Menschen, die nicht zu sieben Achteln in ihrem Kopf existieren und erst nach dem dritten Achtel dort rauskommen, als praktisch gilt. Aber ich weiß es beim besten Willen nicht mehr. Deswegen habe ich wahrscheinlich nach dem erwähnten Halbsatz noch die Anmerkung notiert: „…aber ohne praktisches Gedächtnis“.

Was zu beweisen war. (ph)

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