11. September 2026: Gestern erst aus München zurückgekehrt, heute früh den neuen Rucksack für ein paar Tage gepackt und ab nach Heiligenstadt. Dort besteige ich den Zug nach České Velenice und fahre nach Gmünd, wie früher schon so oft – daher ist es eine Fahrt voll schöner und auch schmerzlicher Erinnerungen.
So wie es in Wien schon genieselt hat, fällt auch in Gmünd leichter Regen, aber der ist gottlob endenwollend. Ich harre also am Busbahnhof vor dem Gmünder Bahnhof eine Dreiviertelstunde aus, bis mein Bus daherkommt, der mich nach St. Martin bei Weitra/Ortsmitte bringt. Schon in der Bahn saßen zwei Piefke-Buchteln, die sich permanent lautstark unterhielten und es wahnsinnig originell fanden, dass sie irgendwo im Waldviertel auf ein Dorffest eingeladen sind und dann zum „Hoiirigen“ gehen wollten. Aber so sind sie halt …
Viel erschreckender finde ich es, dass im Bus Waldviertler Schulkinder sitzen, bestenfalls Unterstufe, aber wahrscheinlich Volksschüler, die sich – unter dauernder Betrachtung ihrer Smartphones – ebenfalls nur mehr auf Piefke unterhalten. Das Verschwinden der österreichischen Sprache dehnt sich längst auch auf die Provinz aus.

Der Weg auf den Nebelstein beginnt praktisch gegenüber der Kirche von St. Martin, führt längere Zeit über Asphaltstraßen bergauf, ist 7 Kilometer lang und ein Aufstieg von 500 Höhenmeter.

Ich bin froh, als ich die Straße endlich verlassen darf und einen Feldweg beschreiten darf …

… der mich dann in einen schönen, typischen Waldviertler Wald führt und bald danach auf eine breite Fahrstraße, wo mein Tagesziel bereits in Sichtweite ist.

Das letzte Stück dieser 90minütigen Kurzwanderung lege ich nicht auf der bequemen Auffahrt zur Hütte zurück, sondern auf dem steilen, steinigen Weg, der knapp unterhalb der Hütte herauskommt und den wir auf der Tour 1-4 Ein inszenierter Gipfel in unserem Buch Wandern im Waldviertel in die andere Richtung zurückgelegt haben. Ich habe für die paar Kilometer zwar nur eineinhalb Stunden gebraucht, bin aber völlig verschwitzt, als ich bei der Hütte ankomme, sodass mich eine der Damen dort fragt: „Regnet’s?“ Nein. Ich habe nur viel zu viel an, weil es in Wien noch ziemlich kühl war …
Nun gut. Die Hütte ist rein frauengeführt, und außer mir, der sich tags vorher telefonisch für ein Zimmer angemeldet hat, ist kein Gast dort. Küche gibt es nur bis 16 Uhr, also nehme ich schnell ein Vorabendessen zu mir, sehr gute Spinatknödel, aber eine viel zu große Portion. Man warnt mich noch, beim Duschen nicht zu viel Wasser zu verbrauchen, weil hier oben schwerer Wassermangel herrscht. Als ich im Zimmer (Klo und Waschmuschel am Gang) meine Sachen auspacke, stelle ich fest, dass ich trotz meiner schönen Packliste im Taumel des Alltags vergessen habe, die zwei kurzärmligen Wanderhemden mitzunehmen.
Gut – dann muss ich mir halt so behelfen, wie auch beim Duschen. Anscheinend wird von Gästen erwartet, dass sie ein eigenes Handtuch und eine eigene Duschlotion mithaben. Als Handtuch benütze ich das in der Dusche vorhandene, das normalerweise für genau eine Hand reicht, aber mit Geduld geht alles. Eine Duschlotion hätte ich sogar gehabt, wenn ich nicht aus unerfindlichen Gründen stattdessen beim DM eine zweite Mini-Zahnpasta gekauft und die blindwütig eingepackt hätte. Also weiter improvisieren. Neben der Dusche ist eh das Herrenklo, da steht ein Flüssigseifenspender, aus dem ich mir was zum Abwaschen des Schweißes hole.

Und jetzt geht es darum, die lange Zeit bis morgen früh herumzubringen. Abgesehen davon, dass ich weiß, dass ich kein Hüttentyp (sondern eher ein Hüttendepp; siehe Überschrift) bin, würde mir das heute auch gar nichts bringen, weil sich die drei Damen in ihre Privatgemächer zurückgezogen haben, alles leer und still ist – und die einzige Hüttengaudi darin besteht, dass der Bewegungsmelder im Stiegenhaus (wenn ich vors Haus gehe, eine rauchen) nicht immer gleich das Licht einschaltet, sodass ich Gefahr laufe, mich zu derstessn. Passiert aber nicht.
Ich verbringe den Abend mit Lesen. Und stelle wieder fest, dass das am Handybildschirm nicht wirklich Freude macht. Aber ich verliere mich dennoch in „Other Worlds Than These“ (ist auch auf deutsch erschienen, da liest sich der Titel „Andere als diese Welten“ gleich ziemlich unbeholfen) von Stephen King und Peter Straub. Es ist der dritte Teil ihrer „Talisman“-Geschichte, der diesmal fast nur in der Welt von Kings „Dunkler Turm“-Zyklus spielt und sich ausgesprochen gut liest. Damit ist Stephen King in meinen Augen – nach seinen frühsenilen COVID-Hassanfällen – wieder ziemlich rehabilitiert.
Übrigens: Ich habe vor ziemlich genau 50 Jahren zum letzten (und auch zum ersten) Mal auf der Nebelsteinhütte übernachtet – mit meinem Freund und Kollegen Helmuth A. W. Singer, der auch Mitautor des erwähnten Wanderbuchs ist. Mehr dazu können Sie hier und hier nachlesen; das Bild unten dient nur zur seelischen Vorbereitung … (ph)
