Vom Semmering nach Simmering (Teil 2)

… Da tat es schon ein kläglich Stöhnen. Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus. Und hinterher …
„Kreuz Gottes!“ rief mein Pate. „Da hängen ja ganze Häuser dran!“ Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären ein paar Steirerwäglein gespannt, auf denen die Reisenden sitzen konnten, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern heranrollen, und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe heraus, und schrecklich schnell ging’s, und ein solches Brausen war, daß einem der Verstand stillstand. Das bringt kein Herrgott mehr zum Stehen! fiel’s mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor und rief mit verzweifelter Stimme: „Jessas, Jessas, jetzt fahren sie richtig ins Loch!“ Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe.
(Peter Rosegger bei seiner ersten Begegnung mit der Semmeringbahn)
Nach einem Zwischenstop im Ghega-Museum kommt man gut informiert zum größten und bekanntesten Bauwerk der Semmeringbahn-Strecke: dem Viadukt „Kalte Rinne“ im Adlitzgraben bei Breitenstein. Berühmt durch seine Darstellung auf dem ehemaligen Zwanzig-Schilling-Schein konnten wir es bereits zu Beginn unserer Wanderung (siehe Teil 1 unseres Wanderberichts) aus der Ferne beim Ausblick zum Lob unserer alten Währung erspähen. Mit einer Länge von 184 m und einer Höhe von 46 m erinnert der beeindruckende Bau mit seiner einzigartigen Architektur und den Gewölben auf zwei Etagen an Sehenswürdigkeiten wie das Kolosseum in Rom.

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An diesem Punkt gibt es wieder die Möglichkeit, zwischen zwei Wegvarianten zu wählen. Wir haben uns für die neue Route entschieden, die in der Online-Broschüre noch nicht auftaucht, wohl aber im Folder aus dem Info-Zentrum. Statt auf der oberen Adlitzgrabenstraße vorbei am Eisernen Kreuz nach Breitenstein zu gehen, nimmt man hier den Weg oberhalb der Straße (siehe Photo) und wird nach einem doch recht steilen Aufstieg mit einem einzigartigen Einblick in einen Arbeitsstollen im Polleroswand-Tunnel belohnt.

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Eine besondere Gemeinheit an diesem Tag war, dass genau in dem Moment, als wir den stockfinsteren Stollen betreten wollten – der Sensor für die Solarbeleuchtung befindet sich erst ganz am Ende des Stollens – ein Zug durch den anschließenden Eisenbahntunnel preschte. Die Situation erinnerte an Szenen aus den „Road Runner“-Cartoons: Man weiß, hier kann einem trotz bebender Stollenwände und immer lauter werdender Bahngeräusche eigentlich kein Zug entgegenkommen, weil’s ja gar keine Schienen gibt – aber ganz sicher ist man sich in dem Moment trotzdem nicht. Der furchtlose Autor des Buches Wandern im Wienerwald ließ sich davon natürlich nicht beeindrucken und schritt konsequent bis zum Ende des Stollens. Ich folgte ihm vorsichtig, mit gebührendem Respektabstand … man weiß ja nie. Vielleicht lauert hinter der nächsten Ecke ja auch ein gefährlicher Höhlenbär oder der Zamonische Stollentroll. Und möglicherweise fallen sogar blutsaugende Vampirfledermäuse über uns unschuldige Wanderer her …

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Wir haben die kleine Höhlenexpedition dann doch gut überstanden, im Gegensatz zu vielen  Arbeitern, die damals beim Bau der Semmeringbahn ihr Leben ließen.

Wie schon im ersten Teil unseres Wanderberichts beschrieben, wurde die Bahnstrecke mit einer Länge von 42 km in der Rekordzeit von nur sechs Jahren gebaut. Grund für den verhältnismäßig schnellen Baubeginn waren die Märzrevolution des Jahres 1848 und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit. 20.000 Arbeiter, darunter ein Drittel Frauen, wirkten beim Bau der Bahnstrecke mit. Um diese sowohl technische als auch organisatorische Großleistung in so kurzer Zeit umsetzen zu könnnen, begann man an beiden Streckenenden – Gloggnitz und Mürzzuschlag – gleichzeitig zu bauen, und das unter widrigsten Umständen. 89 Menschen starben bei Arbeitsunfällen, mehrere hundert an den in den Arbeiterunterkünften grassierenden Krankheiten wie Cholera und Typhus.

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Semmeringbahn, Payerbach-Viadukt 1878

Nachdem wir zwar das Licht am Ende des Tunnels gesehen hatten, aber trotz längerer Wartezeit leider keinen weiteren Zug (vielleicht muss man irgendwo einen Euro einwerfen, damit die Bahn wieder vorbeibraust …), kamen wir zur Krausel-Klause und einem steilen und extrem geröllreichen Abstieg zur Straße hin. Hier sind gute Trittsicherheit oder Wanderstöcke gefragt.

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Unten: die Krausel-Klause damals …

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… und heute, mit der Polleroswand im Hintergrund.

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Vorbei an wunderschönen Gehöften und Streuobstwiesen folgten wir dem Bahnwanderweg zur Weinzettlhöhe.

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Informationstafeln hielten uns weiterhin mit allerlei kuriosen Details auf dem laufenden. So wurde etwa die Semmeringbahn-Strecke geplant, als es für die vorgesehenen Steigungen noch gar keine passenden Lokomotiven (für den Adhäsionsbetrieb) gab. Carl Ritter von Ghega machte die Not zur Tugend und veranstaltete im März 1851 – zwei Jahre nach Baubeginn also – einen Lokomotivwettbewerb. Vier verschiedene Gebirgslokomotiven traten damals in Payerbach mit viel Tamtam zur Preisfahrt an. Für den praktischen Betrieb war jedoch keine geeignet.

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Nach der Weinzettlhöhe kann man dann entweder die Bahntrasse weiter nach Klamm (mit Ausblick auf das Wagner- und das Gamperlgraben-Viadukt sowie die Burgruine Klamm) gehen oder links abbiegen und die alternative Panoramaroute über die Karl-Schubert-Straße bis auf den vorderen Kreuzberg wählen. Entlang des Villenwegs kommt man anschließend hinunter in die Althammerhofstraße, wo beim Kochhof (Dreifaltigkeitskapelle) die Wege wieder zusammentreffen.

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Wir entschieden uns für letztere Variante – und obwohl der idyllische Wiesenweg bald in kaum befahrene Landstrassen mündet, bereuten wir unsere Wahl nicht und wurden mit einer beeindruckenden Aussicht belohnt.

ACHTUNG: Bis September 2019 ist der Abschnitt zwischen Breitenstein und Klamm gesperrt! Man kann aber über den oben erwähnten Panoramaweg, der über den Kreuzberg führt, ausweichen.

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Beim Mostbauern Rumpler bietet sich eine Gelegenheit zur Einkehr. Hier kann man nicht nur die schöne Aussicht, sondern auch den Anblick des weidenden Fleckviehs genießen.

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In Klamm angekommen, gibt es für den Wanderer dann wieder drei Möglichkeiten. seine Route fortzusetzen …

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Entweder man geht über den Eichberg weiter nach Gloggnitz (23 km ab Bahnhof Semmering). Dieser Weg führt größtenteils entlang der Bahnstrecke und bietet weitere beeindruckende Aussichten auf den Streckenverlauf, die Adlitzgräben, den Sonnwendstein, die Burg Wartenstein und Gloggnitz mit seinem romantischen Schloss. Oder man marschiert über Küb nach Payerbach (21 km ab Bahnhof Semmering), wo es unter anderem das das längste Viadukt der Semmeringbahn zu bestaunen gibt: das Schwarza-Viadukt.

Wir entschieden uns für die dritte Variante und setzten uns in Klamm in den Zug zurück zum Ausgangspunkt (Bahnhof Semmering), von wo aus wir bald wieder in Wien waren. Aber wir kehren hoffentlich bald hierher zurück, um nicht nur die beiden anderen Wege zu beschreiten, sondern auch den in der Steiermark gelegenen Teil der Semmeringbahn Richtung Mürzzuschlag zu erkunden.  (kat)

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