Von Simmering zum Semmering (Teil 1)

Da wir unsere Fußwallfahrt nach Mariazell –  wie berichtet – bereits nach der ersten Etappe abbrechen mussten, begaben wir uns auf die Suche nach einer Wanderstrecke, die uns die ersehnte Ruhe und Abgeschiedenheit bieten würde. Das ist an einem verlängerten Wochenende mit hochsommerlichen Tagestemperaturen gar kein so einfaches Unterfangen, vor allem nicht rund um Wien. Daher beschlossen wir, neue Pfade zu beschreiten. Der Semmeringbahn-Wanderweg schwirrte uns schon länger als Idee im Hinterkopf herum. Nach einem kurzen Blick auf die ÖBB-Website stellten wir erfreut fest, dass die Zugverbindung optimal war und auch die Fahrzeit kürzer ist als erwartet – nämlich knapp eineinhalb Stunden. Also packten wir eine stark abgespeckte Version des Pilgerrucksacks zusammen, und am nächsten Tag ging’s los.

Nach einer erholsamen, ruhigen Fahrt durch die traumhafte Landschaft des Semmerings kamen wir im gleichnamigen Ort an. Argwöhnisch beobachteten wir die anderen Fahrgäste (vor allem die mit Wandergepäck), aber zum Glück schien kaum einer dasselbe Ziel zu verfolgen wie wir. Ein erneutes Tatzelwurm-Erlebnis blieb uns also erspart – juhu!

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Der Bahnhof Semmering liegt auf 896 m Seehöhe und ist entzückend. Ein Denkmal (1869), das einem gleich beim Aussteigen ins Auge springt, erinnert an Carl Ritter von Ghega, der das schier Unmögliche möglich gemacht und die Bahnstrecke von Mürzzuschlag bis nach Gloggnitz nicht nur konzipiert, sondern auch tatsächlich überaus harmonisch in die Lanschaft „hineinkomponiert“ hat. In nur sechs Jahren wurde von 1848 bis 1854 die Semmeringbahn errichtet – und das vor Erfindung des Dynamits! Fast 20.000 Arbeiter aus allen Teilen der Monarchie waren im Einsatz, um diese Meisterleistung zu vollbringen. Es galt Steigungsverhältnisse von bis zu 28 ‰ (= mehr als ein Meter Höhenunterschied auf 40 m Streckenlänge) zu überwinden; erstmals mussten die Ingenieure auch einen minimalen Kurvenradius von 190 m bewältigen. Seit 1998 ist die Semmeringbahn völlig zu Recht als erste Eisenbahn der Welt UNESCO-Weltkulturerbe.

Gleich im Bahnhof befindet sich das Info-Zentrum (geöffnet Mai bis Oktober, täglich 9–15 Uhr), das neben interessanten Einblicken in die Geschichte des aufwendigen Baus der ersten Gebirgsstrecke Europas auch eine nützliche Info-Broschüre mit Plan zum Semmeringbahn-Wanderweg offeriert.

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Hier erfährt man auch, dass es vom Bahnhof Semmering aus zwei Möglichkeiten gibt, den Semmeringbahn-Wanderweg zu beschreiten: entweder die steirische Variante bis Mürzzuschlag oder die niederösterreichische bis Gloggnitz. Wir haben uns für zweitere entschieden und folgten gespannt und neugierig der gut beschilderten, von zahlreichen Informationstafeln begleiteten Wanderstrecke entlang der Bahntrasse.

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Praktisch an der Route ist die Tatsache, dass man relativ spontan entscheiden kann, wie weit man gehen will. Da man immer wieder an Bahnhöfen vorbeikommt, hat man jederzeit die Möglichkeit, in den nächsten Zug zu steigen und heimzufahren, wenn einen das Wandern nicht mehr freut. Die Entfernungen ab Bahnhof Semmering sind wie folgt: über die Bahnhöfe Wolfsbergkogel (1,5 km) und Breitenstein (9,5 km) bis Klamm (15,5 km), dann weiter auf Variante A bis Gloggnitz (23 km) oder auf Variante B bis Payerbach (21 km).

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Geht man nicht ohnehin in unmittelbarer Nähe zu den Geleisen, so entfernt man sich nur für kurze Zeit von ihnen, um auf idyllischen Waldwegen beeindruckende Aussichtspunkte zu erreichen. Von der Warte auf dem Doppelreiterkogel hat man beispielsweise einen wunderbaren Blick auf die Trasse von Klamm mit dem Blauen Einschnitt, den Weinzettlwand-Tunnel mit seinen Galerien, den Weinzettlfeld-Tunnel, den Bahnhof Breitenstein, den Krausel-Tunnel – mit nur 13,82 m den kürzesten Tunnel der Semmeringbahn-Strecke –, das Krausel-Klause-Viadukt und nach dem Tunnel durch die Polleruswand das wohl imposanteste Bauwerk, das zweistöckige Viadukt „Kalte Rinne“.

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Geht man weiter, so gelangt man zum „Zwanzig-Schilling-Blick“. Wer erinnert sich noch an Ritter von Ghega auf unserem echten, viel schöneren Geld?

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Einer der beiden Autoren des Buches Wandern im Wienerwald zeigt uns hier die Steigerungsform: den Tausend-Schilling-Blick.

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Kurz darauf führt der Weg an der alten Dampfwäscherei (1908–1960) vorbei. Hier wurde unter anderem die Schmutzwäsche des berühmten Südbahnhotels gereinigt, das seinerzeit zu den größten und exklusivsten Nobelhotels Europas zählte. 1960 musste die Wäscherei aus wirtschaftlichen Gründen schließen und war dem Verfall preisgegeben. Zum Glück erwarb ein Bauunternehmer 1993 die Liegenschaft und  wandelte das historische Gebäude in ein komfortables Wohnhaus um, ohne dessen Charme zu zerstören.

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Vorbei an blumenreichen Wiesen …

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… geht es dann weiter zum Unteren-Adlitzgraben-Viadukt, wo man die zu musealen Zwecken rekonstruierte Hütte einer alten Arbeiterunterkunft besichtigen kann.

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Anschließend führt der Weg nach einem kurzen, aber recht steilen Aufstieg über den „Roten Berg“ mit schönem Ausblick auf Breitenstein und die Strecke bis Klamm weiter.

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Beim Viadukt „Kalte Rinne“ steht das Wächterhaus Nr. 167, in dem das weltweit einzige Museum für Carl Ritter von Ghega untergebracht ist. Laut Homepage erinnern dort rund 150 Exponate an Leben und Wirken des genialen Baumeisters und seiner Mitarbeiter. Leider hatte das etwas schrullig anmutende Kleinod zu (geöffnet: Mai bis Ende Oktober, Sa., So., Fei. 10–16 Uhr), aber beim nächsten Mal werden wir ihm bestimmt einen Besuch abstatten.

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Teil 2 unseres Semmering-Wandertags folgt demnächst in diesem Theater. Halten Sie danach Ausschau!  (kat)


2 Gedanken zu “Von Simmering zum Semmering (Teil 1)

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