Regenstraßen

13. September 2026, Sonntag: Ich erwache in meinem 150-Euro-Zimmer im Hotel Stern in Gmünd (siehe vorige Etappe) – und wie Sie auf obigem Bild sehen können, ist am Nebenbett alles feinsäuberlich geordnet, damit es im neuen Rucksack Platz hat. So muss man das bei einer geplanten Mehrtageswanderung offenbar machen: am jeweiligen Zielort alles auspacken, fein auflegen, Schmutzwäsche extra versorgen, und am nächsten Tag das ganze Zeug wieder so verstauen, wie es war (so man sich das gemerkt hat).
Vorher aber geht’s noch runter zum Frühstück. Das Buffet ist überlaufen und lange nicht so gut, wie es einst war (so wie das ganze Hotel, nicht erst seit der Neuübernahme, leider. 150 Euro ist eine Übernachtung hier auf keinen Fall wert). Da ich eine längere Wanderstrecke vor mir habe, kann ich eh nicht allzuviel Nahrung zu mir nehmen. Also packe ich mich bald zusammen und verabschiede mich noch schnell von der freundlichen Dame an der Rezeption. Gestern war ja statt ihr nur ein Automat da, an dem man eine Unmenge private Daten eingeben und dann mit Karte oder Handy bezahlen musste. Das Leben wird immer unerfreulicher.
Auch von Herrn Jiří nehme ich Abschied. Und dann mache ich mich wieder auf den Weg.

Die Wolken ziehen sich nicht nur über dem Hotel zusammen, …

… sondern auch über dem Stadtplatz von Gmünd. Ich marschiere dessenungeachtet durch die Grillensteiner Straße zum Schüsselwirt, entdecke gegenüber die vertrauten Wegweiser und steige so wieder in den Ostösterreichischen Grenzlandweg ein.

Schon auf den ersten Schritten begegne ich dieser entzückenden Katze, die sich wundert, warum bei dem Wetter an einem Sonntag jemand mit Rucksack an ihr vorbeiwandert.

Dann betrete ich den Naturpark Blockheide (bekannt aus unserem Gmünd-Rundgang), gehe dort am Blockheideteich vorbei (siehe oben) …

… und erreiche so auch bald den Aussichtsturm, auf den ich aber heute nicht hinaufsteigen kann, weil er trotz der relativ späten Vormittagsstunde noch nicht geöffnet hat.
Der Himmel wirkt dräuend, auch über dem Marterl oben rechts. Bald verlasse ich die Blockheide wieder und durchschreite auf der Straße Groß- und Kleineibenstein, um danach endlich wieder einen Wald zu betreten.

Heute ist jedoch der ganze Tag von Nieselregen und Straßen gezeichnet. Manchmal sind es zwar lange, geschotterte Waldstraßen wie auf dem Bild oben, oft aber auch Asphalt … und die ganze Zeit tröpfelt oder regnet es immer wieder. Und ich ziehe mich die ganze Zeit um. Regenjacke an, Schwitzen, Regen hört auf, Regenjacke wieder aus, es beginnt wieder zu nieseln usw. usf. Und da die Feuchtigkeit früher oder später über Hose und Wandersocken auch ins Schuhwerk eindringt, spüre ich schon während des Gehens, dass ich Blasen an den Zehen kriege. Ja, nicht nur an der einen, die sich immer wichtig macht, sondern gleich an mehreren. Das ist lästig, ließe sich aber aushalten …
Ich komme am Ludwigsthaler Teich vorbei, der Waldweg wird angenehmer und abwechslungsreicher, bald zeigen sich auch die typischen Waldviertler Steinformationen am Wegesrand.

Und an einer Stelle hat irgendjemand die Seiten eines tschechischen Buches auf dem Weg verstreut, die ich zwar aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht lesen kann, mir aber die Illustrationen anschaue und mich frage, ob mir da jemand eine Nachricht hinterlassen wollte. Oder was der Grund dafür ist, diesen Waldweg so zu „illustrieren“ …

Ich überschreite eine Straße, gehe danach durch ein weiteres erfreuliches Waldstück und komme so in die kleine Ortschaft Eugenia, deren Namen mich immer schon fasziniert hat. Außerdem wohnt hier jemand, der nicht auf Halloween warten will, sondern sein Haus jetzt schon entsprechend dekoriert hat. Sehr erfreulich – Menschen mit Geschmack.

In Eugenia stelle ich (wie übrigens in etlichen Gemeinden am Wege) fest, dass die Barbershops und Kebab/Pizza/Burger-Imbisse mehr und mehr auch in die Waldviertler Provinz vordringen, ihnen hier aber anscheinend nicht besonders viel Erfolg beschieden ist – viele schauen nämlich so aus, als ob sie recht schnell wieder zusperren hätten müssen. So wie aber leider auch etliche einheimische Lokale und Geschäfte; da sieht man nur mehr Schilder am Eingang, dass die Betreiber in Pension gegangen sind, und das war’s dann.

Jetzt folgt wieder eine lange, gerade Schotterstraße durch den Wald, aber diesmal wenigstens mit ein paar Sonnenstrahlen. Was meine Socken nicht wirklich tröstet, die sind schon durchfeuchtet und bleiben das auch. Und das schönere Wetter hält leider nicht lang … als ich die Hubertuskapelle (und damit die Route Nr. 1-1 – Stiege zum Himmel aus unserem Waldviertel-Wanderbuch) erreiche, regnet es schon wieder. Ich setze mich also auf ein Bankerl vor der Kapelle, rauche eine Zigarette und esse einen gesunden Wanderriegel, bevor ich mich durch das Getröpfel wieder auf den Weg mache.

Bald darauf biege ich rechts in den Wackelsteinweg ab, komme am vertrauten Anblick des „Kas im Loab“ (das zuständige Photo ist der Aufmacher dieses Beitrags auf unserer Blog-Homepage) vorbei und dann auf eine schöne Waldlichtung, wo tatsächlich ein Wackelstein und interessante Steinformationen wie auf dem Bild oben den Wanderer erwarten.

Anschließend erwarten mich aber wieder die Mühen der Ebene. Gleich beim Verlassen des Waldes betrete ich die Ortschaft Amaliendorf-Aalfang, wo ich mich elendslang auf der Straße durch Wind und Nieselwetter bewegen muss. Erst in den Ausläufern des Ortes biegt der markierte Wanderweg rechts ab, führt dann an ein paar letzten Anwesen vorbei und schließlich wieder in den Wald. Am Kaltenbachteich vorbei gelange ich mitten in ein Gewerbegebiet – und wieder in stärkeren Regen, also stelle ich mich ein Weilchen auf einem überdachten Parkplatz unter und harre aus.
Der Rest dieser laut Handbuch 22 Kilometer langen Etappe ist dann eher belanglos; ich durchschreite auf der Straße die Ortschaft Kleinpertholz, die dann nahtlos in die Stadtgemeinde Heidenreichstein übergeht. Alles wirkt tot und verlassen. Nicht nur die bereits erwähnten geschlossenen Gasthäuser sind etwas deprimierend (kein Wunder, bei dem Wetter), sondern auch, dass kein Mensch auf der Straße ist und ich nur gelegentlich an ein paar ebenfalls vereinsamt wirkenden Sozialbetrieben für Alte und Behinderte sowie diversen Kunst- und Psycho-Instituten der letzten paar ins Waldviertel abgewanderten Hippies vorbeihatsche.
Was soll ich sagen? Die Provinz rottet sich anscheinend selbst aus. Die Ortskerne sind verlassen, weil die meisten Geschäfte dem wirtschaftlichen Druck der Super- und Baumärkte an den Gemeindegrenzen weichen mussten. Und die guten alten Dorfgasthäuser (wo man als Ortsfremder immer sehr kritisch betrachtet wurde) haben zu, weil man sowieso nirgends mehr Alkohol trinken oder Zigaretten rauchen darf. Nichts als Einfamilienhöllen und Trostlosigkeit. Nur für den Sommertourismus reißt man sich ein bissl zusammen, aber sobald die Schulferien zu Ende sind, rasseln die Rolläden herunter. This isn’t Nachsaison – this is war!

Als ich dann bei der Burg Heidenreichstein ankomme, bin ich zu müde für eine Besichtigung; außerdem tun mir die Füße mit ihren frisch erworbenen Blasen ziemlich weh. Ich spaziere daher zu dem telefonisch bestellten Privatquartier in irgendeiner Nebenstraße (und über einen gottverlassenen Hauptplatz) weiter, wo mich eine nette ältere Dame erwartet und mir mein altmodisches, aber durchaus nettes Zimmerchen zeigt. Wie sich das allerdings als die angegebene „Ferienwohnung“ für zwei Personen ausgehen soll, ist mir ein Rätsel – ich fühle mich schon mit meinem ausgebreiteten Rucksackinhalt ziemlich beengt. Jetzt muss ich wieder viele Stunden herumbringen, bevor es morgen früh weitergeht …

Nach einer Dusche und dem Verpflastern der Zehen pilgere ich in eines der wenigen geöffneten Lokale hinunter und bestelle mir dort was Veganes (fragen Sie mich nicht, warum). Wahrscheinlich kann man sowas nicht viel besser machen – aber ich weiß jetzt endlich, was mit dem Biomüll passiert. Und warum ich Veganer nicht mag. Die zwei alkoholfreien Biere, die ich dazu trinke, können auch nicht viel. Schade. Als ich das Gasthaus verlasse, regnet es schon wieder. Ich bin mutlos. Soll ich morgen weiterwandern?
Diese Entscheidung verschiebe ich auf den nächsten Tag und verbringe den Abend mit Lesen und zwei Fernsehversuchen. Der Flachbildschirm hier hat gerade einmal zehn Programme: die öffentlich-rechtlichen aus Österreich und Deutschland, dazu Puls 4 und ATV. Jetzt weiß ich wieder, warum ich Fernsehen seit mehr als zehn Jahren meide. Ich probiere verzweifelt, irgendwas halbwegs Interessantes zu finden, aber es spielt auf allen Kanälen nur Dreck und Propaganda.

LEBEN SO DIE MENSCHEN? Wirklich?

Das Photo oben zeigt den nächsten Tag, am Busbahnhof von Heidenreichstein. Beim Aufstehen, während des Frühstücks und beim Weggehen hat es weiterhin unermüdlich geregnet. Also nehme ich den Bus zur Bahnstation Göpfritz, fahre nach Wien zurück und pflege dort meine Blessuren.
Fortsetzung folgt. Sicher. Und mit weniger Gejammer … (ph)

zur vorigen Etappe


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