12. September 2026: Ich stehe früh auf, gehe um viertelacht zu einem brauchbaren Frühstück runter (auch an diesem Samstagmorgen bin ich der einzige Gast in der Nebelsteinhütte), packe dann meinen Rucksack und mich zusammen. Bevor ich losmarschiere, gehe ich aber noch ohne Gepäck zum Gipfelkreuz des Nebelsteins hinauf, um dort die Aussicht zu genießen.


Da Photos von der Aussicht aber fast nie so schön sind wie die Aussicht selbst, beschränke ich mich hier auf besagtes Gipfelkreuz …

… und den Blick hinunter zur Hütte, …


… die bekanntlich Ausgangspunkt oder Zwischenstation für zahlreiche Weitwanderwege ist.


Um 8 Uhr gehe ich dann los, hinunter zum Parkplatz, wo vor 50 Jahren das legendäre Wanderphoto entstand, das Sie im vorangegangenen Artikel über meine Expedition auf dem Ostösterreichischen Grenzlandweg bestaunen mussten.

Der erste Teil der heutigen Etappe führt mich wieder ein Stück den Weg entlang, der als Tour 1-4 Ein inszenierter Gipfel in unserem Buch Wandern im Waldviertel nachzulesen und -gehen ist. Dabei packen mich natürlich wieder die Nostalgie und die Erinnerung an schöne Momente – vor allem, als ich zu der lieben kleinen Kapelle in Maißen (Bild unten) komme. Ich rede mir ein, dass das alles Teil einer Eigenschmerztherapie ist und genieße das Wandern. Wie ich in letzter Zeit öfter gehört habe, geht es sowieso hauptsächlich darum, sich (körperlich und seelisch) aufzurichten.

Der Weitwanderweg ist ausgezeichnet markiert, und ich begrüße freudig jedes der für mich zuständigen Schilder, das ich am Weg antreffe. Nur an einer Stelle im Wald habe ich das Gefühl, irgendwie in die falsche Richtung unterwegs zu sein, und muss das blöde Handy konsultieren. Und wirklich … ich hätte ein paar Meter vorher rechts abbiegen sollen. Als ich zurückgehe, sehe ich besagten Wegweiser genau an der Wegteilung am Boden herumliegen. Vielleicht hat ihn irgendein Naturereignis umgeschmissen; da ich weiterhin wenigstens ein bisschen an die Menschheit glauben möchte, begnüge ich mich mit dieser Erklärung.

Ich bleibe bei einem netten kleinen Teich (beim „Steinernen Weib“) stehen, um ein Stück Traubenzucker zu essen, …

… überschreite dann über ein Brückerl den Wultschaubach und wundere mich gleich danach, dass mich heute anscheinend alles an die Vergangenheit erinnern will (Bild unten). Als ich dann am Bach entlanggehe und bald Wultschau erreiche, hat aber sowieso weder das erwähnte Dorfwirtshaus noch irgendwas anderes offen, also marschiere ich durch den Ort, …

… darf nach einem Straßenstück wieder in den Wald abbiegen und erreiche in selbigem das Gabrielental, das wir im Zuge der Tour Nr. 1-3 – Die Wallfahrt-Konkurrenz unseres bereits erwähnten Werks durchschreiten und in dem mich wieder schwer die Emotion und die Erinnerung packen. Aber auch durch die marschiere ich durch, weil: Was bleibt einem schon über?

Ich verlasse das Gabrielental …

… und betrete durch ein altes Stadttor die schöne Stadt Weitra (hier unser empfohlener Rundgang), wo ich mich am Hauptplatz in einem Café niederlasse. Es ist erst kurz nach elf – viel zu früh, um mir hier schon ein Quartier zu suchen. Also rufe ich im Hotel „Stern“ in Gmünd an, ob die noch ein Zimmer haben, weil ich in diesem Fall noch bis dorthin wandern würde. Ja, sie haben eines – das letzte noch freie. Und das kostet sagenhafte 150 Euro. (Später erfahre ich, dass die neuen Hotelbesitzer sich der menschenfeindlichen Methode verschrieben haben, die Preise nach Verfügbarkeit „anzupassen“). Andererseits war ich so oft im „Stern“ … und will unbedingt noch einmal dort absteigen, aus Gründen, die später noch klar werden sollen.


Nach einer Stunde Pause in Weitra mache ich mich wieder auf den Weg und genieße die Waldviertler Landschaft. Schon gestern im Zug habe ich mir gedacht, wie sehr ich diese Gegend mag, wie schön ich die hohen Wolken, die leider meist nur mehr kleinen Waldstücke und die scheinbar verlassenen Ortschaften finde; heute bestärkt mich alles in dieser Ansicht. Den etwa 20 km langen Wanderweg von Weitra nach Gmünd bin ich vor zwei Jahren schon einmal gegangen, allerdings in die andere Richtung, bei zirka null Grad, eisigem Wind und Schneetreiben – und auch das war herrlich.

Diesmal bleibe ich, wie so oft in letzter Zeit, bei jedem Marterl oder Gedenkkreuz stehen und gehe in jede offene Kapelle, um mich zu bekreuzigen und ein kurzes Gebet zu sprechen. „Du kennst weder den Tag noch die Stunde“ steht ganz richtig am Kreuz oben. Das stimmt. Und der Rest ist Privatsache.


Der Weg verläuft zwar manchmal auf Asphaltstraßen, aber die sind fast immer ruhig und kaum befahren. Dazwischen gibt es Waldstücke, …

… beschauliche Passagen über Wiesen und Felder …


… sowie bezaubernde Alleen. Als ich sehe, dass das letzte Stück des Grenzlandwegs vor Gmünd durch den Malerwinkel (hier ist unser Gmünd-Rundgang; eine ausführlichere Version finden Sie im mittlerweile bekannten Wanderbuch) verläuft, möchte ich fast ausweichen, weil ich hier einst so verliebte Stunden erlebt habe. Aber man muss durch den Schmerz durch, ob einem nun die Füße wehtun oder das Herz leidet …

Kurze Zeit später treffe ich im „Stern“ ein und laufe dort sofort meinem allerliebsten Oberkellner, dem Herrn Jiří, über den Weg. Er fragt mich, wo ich so lange war (er hätte mich schon fast von selber kontaktiert, weil er nichts mehr von mir gehört hat) und warum ich alleine unterwegs bin. „Das ist eine lange und traurige Geschichte“, sage ich – und erzähle ihm die am Abend auch, nachdem ich einen traditionell hervorragenden Tafelspitz zu mir genommen habe und (ausnahmsweise, weil ich ja gerade nicht soll) zwei Achteln mit ihm trinke.
Allein Essengehen muss ich auch noch lernen; aber wenn man auf Wanderschaft ist, geht das einfacher als in der Stadt. Die lauten und blöd lachenden (vor allem) Männer und Frauen im Lokal stören mich auf jeden Fall, ob ich nun hier oder da, allein oder zu zweit bin. Wurscht. Es ist auf jeden Fall eine Freude, Herrn Jiří wieder einmal zu sehen und ein paar Worte mit ihm zu wechseln.
Und die Achteln bereue ich dann später ein bissl, in der Nacht, als mich die Magensäure im Hals plagt … (ph)
Ein Gedanke zu “Aufrichten”