Vom Schwinden der Waldwege

Die Marktgemeinde Kaltenleutgeben, über die Sie in unserem informativen Buch „Wandern im Wienerwald“ einiges erfahren, ist auch Ausgangspunkt der in selbigem Werk beschriebenen Wanderung Nr. 18 („Ein teuflischer Felsen“). Sie war einst nicht nur ein Wintersportzentrum, sondern auch ein beliebter Kurort, der u. a. Prominente wie Mark Twain zu Gast hatte – und ist heute offenbar ein aufblühender Wohnort für Leute, die ein wenig außerhalb Wiens wohnen wollen. Aber dazu später mehr …

01 Rebekkaquelle 1

Wir beginnen unsere Tour vor dem wirklich schönen Rathaus von Kaltenleutgeben, schauen uns sonst gar nicht viel um und gehen etwa 50 Meter „stadtauswärts“ (von Wien aus gesehen – wir dürfen das, wir sind Hauptstadtbewohner). In unserem Wanderbuch steht noch, dass wir dann bei einem Drogeriemarkt in die Pfarrgasse einbiegen, aber – wie sollte es anders sein? – der BIPA an dieser Stelle hat zugesperrt. Auch gut: Wir biegen vor einem kleinen Parkplatz links in die Pfarrgasse ein. Bitte merken!
In Richtung Kirche kommen wir zu einer Wiese und überqueren diese nach links hinauf, wo uns ein Schild zur Rebekkaquelle weist (siehe Bild oben). Dortselbst erfahren wir von Informationstafeln auch einiges zu den Wasserkuren, die man früher in Kaltenleutgeben verabreicht hat.

06 Kaisersteig 2

Aber weiter, weiter … vom oberen Rand der Wiese in den Wald, zum relativ steilen, aber bestens begehbaren Kaisersteig. So sollen Wanderwege ausschauen. Das Schild mit seinem Namen haben wir diesmal zwar nicht mehr gesehen, aber vielleicht ist es grad besonders gut versteckt. Nach Wald und Wiese kommen wir zu einer Gedenktafel für die gute alte Kaiserin Sisi und wundern uns, dass an dem Privathaus, wo einst das Ausflugsrestaurant „Am Gaisberg“ stand, seit Jahren unermüdlich und ohne Ende gebaut wird.
An der nahen Wegkreuzung halten wir uns an die Forststraße, die uns Richtung „Ghf. Seewiese“ führt, und durchqueren ein herrlich frühlingsvormittägliches Waldstück.

08 Wald Aufstieg zur Seewiese

Bald sind wir auch beim Gasthaus Seewiese, das sich direkt an der Liechtenstein-Höhenstraße befindet. Und es ist immer noch zu, wie leider schon seit Jahren. Im Vorgarten stehen zwar noch Tische herum …

09 Gasthaus Seewiese geschlossen

… aber wenn man einen Blick seitlich hinters Haus wagt, gerät man nicht gerade in optimistische Stimmung. Da ist entweder eine Generalrenovierung angesagt – oder ein Abriss. Wir lassen uns überraschen.

10 Gasthaus Seewiese vor dem Ruin?

Normalerweise wär’s ja auch fast wurscht, weil nur eine weitere Dreiviertelstunde Wanderzeit weit weg schon das nächste Gasthaus wartet. Doch in Zeiten der epidemischen Panik und gezielten Wirtschaftszerstörung hat leider auch das Höllensteinhaus (ein Schutzhaus der Wiener Naturfreunde) zu. Wenigstens auf den Julienturm vorm Lokal (siehe unten) kann man ungehindert hinaufsteigen, was der Autor dieser Zeilen auch getan hat.

14 Julienturm 1

Beim Abstieg vom Höllenstein können wir dann im fernen Dunst wieder einmal den Schneeberg erblicken. Und wie diese herrliche Rundwanderung weitergeht, das erfahren Sie natürlich im Detail in unserem bereits erwähnten Wanderführer. Zum Beispiel gibt’s da unweit vom Höllensteinhaus ein wunderbares Platzerl zum Rasten und Jausnen (falls Sie eine Jause eingesteckt haben), das wir Ihnen nur ans Herz legen können …

17 Aufstieg Höllensteinhaus mit Schneeberg

Was uns aber auf dem Weg dorthin schon aufgefallen ist (und später noch viel stärker): Die Waldwege, die Wegerln, die gemütlichen Pfade werden allerorts immer breiter. Wer ist dafür verantwortlich? Treten gigantische Wandergruppen die Wege so aus, dass sie bald wie Landstraßen ausschauen? Werden jährlich Bäume am Wegesrand gefällt, damit ja kein Wanderer von einem Ast erschlagen wird? Oder zieht sich der Wald von selber zurück?

Wir wissen es nicht. Was wir auf dieser Wanderung (und auf der Anfahrt mit dem Bus) aber bemerkt haben: In Kaltenleutgeben wird gebaut wie verrückt – großteils auf der anderen Talseite und nicht der bis hierher beschriebenen. Und was für Monster-Menschengaragen da stehen und neu hinbetoniert werden! Manche davon schauen aus wie Mondsiedlungen aus 70er-Jahre-Science-Fiction-Filmen (also: unheimlich und gerade im Wienerwald wirklich nicht schön). Und wenn man dann von der Hauptstraße dieses alten Kurorts, der sich scheinbar zur Immobilien-Boomtown fehlentwickelt hat, in die Siebeneichenstraße Richtung Ramaseck einbiegt, die wir noch als beschattete schmale Forststraße in Erinnerung haben, kommen einem gigantische Maschinen zum Steineauswerfen und Weg-Niederwalzen entgegen und stauben den braven Wanderer nieder. Sie und ihre Kollegen haben wohl auch dafür gesorgt, daß aus dieser Forststraße ein zweispuriger Ungemütlichkeitsweg in praller Sonne geworden ist, der demnächst entweder dem bösen Harvester Platz bieten oder asphaltiert werden soll. Oder beides. Schad’ ist sowas …

Andererseits: Wie man auf dem Photo unten sieht, wird die Natur auf lange Sicht mit jedem Privatgrundstück fertig. Und das ist wiederum gut so.  (ph)

28 Privatgrundstück-Schild, gefressen 1


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