Wasser für Wien

Das, worauf sich viele Wiener bei ihrer Rückkehr aus dem Urlaub am meisten freuen, ist das ganz normale Leitungswasser ihrer Heimatstadt. Im Gegensatz zu vielen anderen Großstädten, wo es genießbares Trinkwasser nur in Flaschen zu kaufen gibt, kann sich Wien einer erstklassigen Wasserqualität rühmen – und die hat es seinen beiden Hochquellenwasserleitungen zu verdanken.

Schon die Römer ließen Quellwasser aus dem Raum südlich von Wien ins Legionslager Vindobona leiten. Doch ihre Leitungen verfielen im Lauf der Zeit. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts versorgten sich die Wiener dann mit Wasser aus ca. 10.000 Hausbrunnen sowie einigen öffentlichen Bezirks- und Hofwasserleitungen. Dem Adel standen Privatwasserleitungen zur Verfügung. Jeder der damals etwa 320.000 Bürger der Stadt musste mit lediglich vier bis fünf Litern Wasser pro Tag das Auslangen finden.

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Wanderung 20 – Blick auf den Aquädukt, der die Klause von Mödling überspannt

1836 wurde mit dem Bau der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung begonnen. Ihre Leistung entsprach mit täglich 5.000 Kubikmeter etwa jener der alten römischen Wasserleitung. Angesichts der schnell steigenden Einwohnerzahl war dies zu wenig. Außerdem ließ die Qualität der Mischung aus Grundwasser und filtriertem Donauwasser zu wünschen übrig – es kam daher immer wieder zu Typhus- und Choleraepidemien.

Das Wiener Stadtbauamt schrieb also 1861 einen internationalen Wettbewerb für die Errichtung einer geeigneten Wasserleitung aus. Der Vorschlag des renommierten Geologen Eduard Suess (1831–1914), Quellwasser aus den mehr als 100 km entfernten Karstgebieten der Rax und des Schneebergs nach Wien zu leiten, setzte sich durch – trotz des Einwands des damaligen Bürgermeisters Andreas Zelinka, der die Idee als „Narretei“ bezeichnete. Unter seinem Nachfolger Cajetan Felder wurde die 1. Wiener Hochquellenwasserleitung schließlich nach nur dreijähriger Bauzeit am 24. Oktober 1873 durch Kaiser Franz Joseph I. mit Inbetriebnahme des Hochstrahlbrunnens am Schwarzenbergplatz in Wien feierlich eröffnet.

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Wanderung 12 und 15 – Auslaufkammer Gütenbachdüker im Maurer Wald

In der ersten Ausbauphase war die Leitung 95 km lang. Ab 1988 kam es zu weiteren Erschließungen und Einspeisungen, sodass die Gesamtlänge nun 150 km umfasst. Das Wasser fließt innerhalb von 24 Stunden durch einen gemauerten Kanal und über 30 Aquädukte vom Quellgebiet nach Wien zum Wasserbehälter Rosenhügel. Pumpanlagen sind dazu nicht nötig – da der Höhenunterschied 280 Meter beträgt, reicht die Schwerkraft für den Transport aus. Derzeit werden über die 1. Hochquellenwasserleitung ca. 220.000 Kubikmeter pro Tag angeliefert.

Der starke Bevölkerungszuwachs nach 1890 – im Jahr 1910 hatte Wien bereits mehr als zwei Millionen Einwohner – machte ein Erschließen neuer Wasserreserven notwendig. 1900 ließ Bürgermeister Dr. Karl Lueger den Grundstein für die 2. Wiener Hochquellenwasserleitung legen, die Gebirgswasser aus dem steirischen Hochschwabgebiet nach Wien bringen sollte. Im Dezember 1910 konnte die 183 km lange Leitung mit der Inbetriebnahme der beiden Springbrunnen im Wiener Rathauspark eröffnet werden. Sie deckt heute etwa die Hälfte des Wasserbedarfs der Hauptstadt ab. Das Wasser überwindet dabei in 36 Stunden einen Höhenunterschied von 360 Meter.

Die Fördermenge beider Hochquellenwasserleitungen reicht aus, um die Stadt Wien hinlänglich mit Trinkwasser zu versorgen.

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Wanderung 12 – Wasserbehälter Lainz in der Wittgensteinstraße

Im Zuge der Wanderungen 12, 15, 20 und 23 in unserem Buch „Wandern im Wienerwald“ trifft man vielfach auf Bausubstanzen, die im Zuge des Wasserleitungsbaus entstanden sind. Es sind dies Aquädukte, Marksteine, die den Wasserleitungsweg erkennbar machen, Ausgleichsbehälter (Düker) und Einsteigtürme.

Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn

Wer sich mehr für die Geschichte der Wiener Wasserversorgung interessiert, kann dem 1973 eröffneten Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn im Höllental am Fuß der Raxalpe einen Besuch abstatten. Das Museum ist vom 1. Mai bis Anfang November jeden Sonn- und Feiertag von 10 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Führungen für Gruppen ab zehn Personen sind auch außerhalb dieser Zeiten möglich. Anmeldung und Auskünfte: Betriebsleitung Hirschwang (02666/52548) oder Magistrat der Stadt Wien, Abt. 31 – Wasserwerke (01/599 59-0).  (shaw)


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