Abgewandt

The A-Series, Pt. 2

Heißt es eigentlich „abgewandt“ oder „abgewendet“? Die Rechtschreibexperten im Internetz erlauben beides – wobei man „abgewendet“ eher verwenden sollte, wenn es darum geht, ein bestimmtes Ereignis oder das Schicksal abzuwenden. Da mir letzteres sowieso nicht gelingt, bleibe ich bei „abgewandt“. Weil, warum?

Weil es nämlich Leute gibt, die glauben, dass sie lästige Dinge durch bloßes Nicht-Hinschauen zum Verschwinden bringen können. Zu diesen Leuten gehöre beispielsweise ich.
Dabei hat mich die Wandererfahrung immer wieder gelehrt, dass dem nicht so ist. Die Sonne scheint einfach weiter. Und ich wende meinen Blick unter der Fremdenlegionärskappe trotzdem einfach weiter von ihr ab, damit mir das böse Gestirn nicht die Augen ausbrennt und ich mich nicht über Steine oder Wurzeln am Boden derstesse …

(„Jetzt schimpft er schon wieder über die Sonne!“ staunt der Leser. Und ich sage: Lassen Sie mir das zweifelhafte Vergnügen, Leser. Ich bin traumatisiert und brauche das als Therapie.)

Dabei beginnt diese Etappe durchaus frohgemut – am frühen Morgen im Gasthof „Alpenblick“ in Kollmitzberg, wo wir die Aussicht erst durch das von Unterwäsche freigeräumte Panoramafenster und dann zu früher Morgenstunde im Freien genießen.

Und dann stehen wir da, vor einer Abbruchkante in der Landschaft, die einen vermuten lässt, dass es dahinter senkrecht bergab geht.

Aber dem ist nicht so. Nach einem Wiesenhangweg wandern wir bei einem zarten Windhauch (die Kühe auf unserem Coverphoto machen’s gescheit, die bleiben im Schatten liegen) an Jakobsweg-Symbolen vorbei auf das Stift Ardagger zu, …

… werden von Heiligen begrüßt und stehen dann im Ortszentrum vor der ehemaligen Stiftskirche und heutigen Pfarrkirche zur heiligen Margareta. Das heißt, wir schauen – auf der Suche nach einem Pilgerstempel und geistlicher Inspiration – auch kurz in das Gotteshaus rein, aber da hält ein Pfarrer vom anderen Kontinent gerade in mehr als gebrochenem Deutsch und eher lautschriftlich die Sonntagsmesse, also müssen wir auf Stempel wie Inspiration verzichten und ziehen weiter.

Es geht durch Pfaffenberg bergauf und dann über diverse schmale Landstraßen hinunter in einen Graben, in dem die Jakobswegvariante über Amstetten (in diesem Abschnitt spaltet sich der Pilgerweg dauernd in irgendwelche Varianten auf) wieder zu unserer Route stößt. „Schau“, sage ich zu meiner lieben Frau, „da drüben der Weg rechts oben, der sich schon wieder auf freiem Feld aufwärts zieht – ich wette, das ist unserer.“ Und ich habe recht, aber das hilft mir auch nichts.

Bergauf und bergab kommen wir schließlich nach Zeillern, suchen in der dem heiligen Jakobus geweihten Kirche Trost sowie unseren Stempel …

… und am Platz vor der Kirche dann nach einer Möglichkeit, unsere Wasservorräte aufzufrischen. Aber der Brunnen, der hier lockt, gibt kein Trinkwasser aus – das gibt’s einem Schild zufolge zwar im Ort, aber am „Roten Platz“. Getrieben von der bangen Frage, wozu eine ebenso ländliche wie friedlich wirkende Gemeinde einen Roten Platz braucht, verlassen wir den Ort und setzen uns nach einem Marterl auf eine Bank, um die mitgeführte Jause zu verzehren und ein paar Schluck bacherlwarmes Wasser zu trinken. Ein Feldweg führt uns auf einen Ort zu, in der Nähe droht die Autobahn, aber dann geht es rechts hinauf zu einer Hubertuskapelle und gleich dahinter in den rettenden Wald.

Der erfreut die eine mit üppigen Brombeersträuchern und den anderen mit ein wenig Schatten; beides hält jedoch leider nicht allzulange an.

An Wald- und Feldrand setzt sich die Route fort bis zu einer Straße, auf selbiger durch den kleinen Ort Edla, dann wieder in ein Stück Natur …

… und anschließend verliert sich der Weg ein bissl, aber wir finden ihn wieder und kommen nach ein paar weiteren Bergauf-bergab-Episoden zur nächsten Straßenkreuzung, wo ich stur weiterhatschen will, wie immer von allem abgewandt. Doch Katharina sieht links vom Weg diese kleine Jakobswegpilgerhütte (siehe unten), in der sich bei Saunatemperaturen genau ein Mensch reinsetzen kann, ein zweiter aber weder Platz noch Schatten findet. Immerhin liegt in dem Karbäuschen ein Pilgerbuch, in dem man seinen letzten Willen festhalten kann.

Durch den Ort Schweinberg geht’s wieder hinab ins Tal, wo uns der Weg an einer Mostschenke vorbeiführt. Da wir mittlerweile in ernsthafter Gefahr sind, zu dehydrieren, gehe ich mutig auf die Menschen zu, die dort handwerklich aktiv sind, frage scheinheilig, ob das Lokal offen ist, und ersuche die Wirtin nach einem abschlägigen Bescheid höflich, ob wir bei ihr bitte trotzdem unsere Wasserflaschen auffüllen dürfen. Ja, wir dürfen, die freundliche Frau macht es sogar für uns, und wir sind gerettet und können uns schwitzend die letzten Meter bis Wallsee weiterschleppen.
Dort machen wir vor einem hypermodern-deprimierenden Pflegeheim Halt, weil mir eine dräuende Frage eingefallen ist: Ich habe nämlich ein Zimmer beim Kirchenwirten bestellt, aber da die Ortschaft Wallsee-Sindelburg heißt, also aus zwei Ortsteilen besteht, einer am Berg, einer im Tal, jeder mit einer Kirche und wir in der Mitte – aus all diesen Gründen ersuche ich meine smartphonig ausgestattete Gattin, bittschön nachzuschauen, ob besagter Kirchenwirt bei der oberen oder der unteren Kirche ist. Oben, sagt sie nach kurzem Studium, und wir schleppen uns noch ein wenig weiter. Aber immer noch besser, als wir wären gleich runtergegangen, weil sonst hätten wir den ganzen Hügel wieder hinaufklettern müssen.
Da ist er, der Kirchenwirt, man kennt unsere Namen, zeigt uns unser altvaterisches Zimmer, aus dem wir direkt auf das Gotteshaus (und den Friedhof, wie üblich) hinausschauen, und serviert uns größere Mengen Radler. So wird doch noch alles gut. Und um uns dafür beim Herrn zu bedanken, besuchen wir gleich nach dem Duschen und Umziehen die nahe Kirche, die übrigens sehr schön anzusehen ist.

Als ich so vor dem Altar stehe, fällt mir wieder einmal ein, wie sehr mich die so moderne Gottlosigkeit bei allen Jungen und viel zu lange Junggebliebenen nervt, die sich vom Christentum und dem Heiland abgewandt haben. Diese saublöde Entgegnung „Gott gibt’s kan!“, wenn man jemanden mit „Grüßgott“ begrüßt. Die banalen Argumente über die organisierte Religion und was sie alles angerichtet haben soll. Und dass man sowieso an kein unsichtbares gasförmiges Wesen glauben kann, wenn man bei Verstand ist … gäääähn. Wer hält sich denn noch mit diesem Schwachsinn auf, der uns durch ein paar Jahrzehnte 68er-Ideologie, Frankfurter Schule und realen Internationalsozialismus aufgeprägt wurde? Wer will schon das tun, was die Partei ideologisch verordnet hat? Warum werfen einem manche Leute zweifelnde Blicke zu, wenn man in der Kirche ein Kreuz macht und ein kurzes Gebet spricht? Wir könnten alle froh sein, wenn wir glauben könnten …

Dass genau gegenüber von der Kirche BH und Kombinesch im Fenster (es ist natürlich unseres) hängen, lässt mich nur ein ganz kleines bisschen schwankend werden. Gott sieht zwar alles, aber er wird gütig darüber hinwegsehen, davon bin ich überzeugt. Also auf zum Abendessen und der herrlichen Aussicht auf den unteren Teil von Wallsee-Sindelburg sowie das Donautal.

PS: Zu meiner ungeheuren Frustration muss ich feststellen, dass ich trotz Sonnenschutzschleim mit Faktor 50 einen Sonnenbrand habe – den ersten seit Jahrzehnten. Noch dazu am linken Ellenbogen. Das verstehe, wer mag … ich kann nur darum beten, dass ich in den kommenden Tagen vor weiteren Entstellungen geschützt bleibe. (ph)

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