Six six – the number of the Hiess

FERRARA

Um nicht nur in Bologna zu verweilen, sondern auch Neues zu sehen, haben wir uns für zwei Tagesausflüge entschieden. Der erste, am Mittwoch, führt uns mit dem Zug nach Ferrara, der Universitätsstadt am Po-Ufer, die einst Herrschaftssitz der Familie Este war. (Ich tu nur so g’scheit, als ob ich das alles wüsste, aber in Wirklichkeit entnehme ich die meisten derartigen Informationen den Broschüren der Fremdenverkehrsbranche.) Der Weg vom Bahnhof ins Zentrum der Altstadt, auf dem wir auch den Stadtwall passieren, verheißt schon am frühen Vormittag große Hitze. Und der Blick in die mittelalterlichen Gässchen offenbart, dass die Einheimischen das auch wissen und daher lieber zu Hause bleiben.

Wir hingegen sind bekanntlich touristisch unterwegs und stürzen uns daher in die Besichtigung des Castello Estense, der Wasserburg, die der Herrscherdynastie als bescheidener Unterschlupf diente.

Die Tour durch die Burg offenbart uns neben interessanten historischen Fakten – zum Beispiel, dass man hierorts einst das Ausrichten von Banketten zur hohen Kunst erhoben hat – die Erkenntnis, dass die heutigen Besitzer und Verwalter genau wissen, wie man moderne Besucher unterhält. Wir unternehmen hier einen Abenteuerausflug, bei dem wir gebückt in alte Verliese hineinwatscheln und dort die Graffiti der früheren Gefangenen an den Wänden bewundern können, bevor wir uns beim Hinauswatscheln noch einmal den Schädel anhauen. Dann geht es über steile Gänge aufwärts, manchmal auch über abenteuerliche Stiegen in einen Turm hinauf, alles unter Beobachtung von geschickt stationierten Aufsehern, die Nichtsahnenden den rechten Weg weisen und sich über deren kleinere Unglücke amüsieren. Und sie tun recht daran.

Plötzlich aber steht man auf einer Terrasse hoch über der Altstadt und findet sich zwischen herrlichen Zitronenbäumen wieder.

Bald danach blickt man staunend über alle Richtungen auf Ferrara hinaus, genießt ein gelegentlich kühles Lüftchen und versucht, keine Sonnenverbrennungen davonzutragen.

Und immer wieder sieht man erstaunliche Kunstwerke, herrlich ausgestattete Räumlichkeiten – und gegen Ende des Besuchs eine überraschend umfassende Ausstellung der Werke des amerikanischen Photographen Art Kane, der in den 50er, 60er und 70er Jahren des verwichenen Jahrhunderts mit seinen Jazzer-Photos („Harlem 1958“), Musikerporträts (u. a. von den Rolling Stones, The Who und Jim Morrison) sowie Modeaufnahmen bekannt wurde. Wir sind überrascht, solche Bilder in einer mittelalterlichen Burg zu finden, und erfreuen uns umso mehr daran.

Durch die Mittagshitze gehen wir dann ohne Einkehr und über Kopfsteinpflaster weiter, bis wir (gottlob nach nur wenigen Minuten) zum Palazzo dei Diamanti gelangen. Der wird nicht nur durch die besondere Art seiner Fassadengestaltung seinem Namen gerecht (siehe Bild rechts unten), sondern lädt auch zu einer großartigen Ausstellung, die dem Leben und Werk des Alphonse Mucha gewidmet ist.

Wer je in seinem Leben Jugendstilgraphik und Bilder von schönen Frauen geschätzt hat, wird Mucha kennen, wenn auch vielleicht nicht namentlich, aber durch seine Werke, die in Kunstausstellungen ebenso zu sehen waren wie auf Werbeplakaten oder Keksdosen.

Hier erfreuen wir uns sogar an dem (zugegebenermaßen etwas kitschigen) Multimediaraum, der den Besucher zu gutgelaunten musikalischen Klängen mitten in die Welt der Mucha-Kunst versetzt – wären da nicht die zwei älteren italienischen Ehepaare, die sich seit ein paar Ausstellungssälen permanent und lautstark gegenseitig erklären müssen, wie gebildet und gescheit sie als Akademiker oder pensionierte Mittelschullehrer sind. Auf Wienerisch möchte man ihnen sagen: „Wenn’s eh scho ålles wisst’s, warum schau’s eich dånn die Ausstellung an?“ Aber das würden sie garantiert nicht verstehen, in keiner Sprache. Sie gehören offensichtlich der Gattung Wir-gehen-in-ein-Museum-damit-alle-sehen-dass-wir-Halbintellektuelle-sind an. Aber nicht einmal solche Leute können einem Muchas Werk, das weit über Gebrauchsgraphik (oder Kunstgewerbe, wie eine blöde Online-Enzyklopädie behaupten zu müssen meint) hinausgeht, wirklich verleiden.

Eine weitere Ausstellung im Diamantenpalast ist Giovanni Boldini gewidmet, einem Maler aus Ferrara, den ich bisher nicht kannte, der sich aber aufgrund seiner Bilder und der präsentierten Zitate eindeutig als Mann identifizieren lässt, der die Frauen liebte und dies auch in seinen Porträts zu zeigen wusste. Wieder was gelernt.

Der Rest des Ferrara-Besuchs vergeht im Hitzedelirium. Nach einem Besuch in der Kathedrale (staunet, wie der Nonne auf dem Bild links unten die Heiligkeit über einen Lichtstrahl in die Stirn einfährt!) wird ein Aperol Spritz fällig, aber den nehmen wir leider in einer üblen Touristenhütte zu uns, aus der Deppendisco erschallt, was die anwesenden Deppen erfreut.

Wir jedoch hatschen unermüdlich weiter, in die wahrscheinlich älteste und am besten erhaltene mittelalterliche Gasse der Stadt, …

… dann in eine Bäckerei, in der wir über die Form der Weckerln hier staunen (und die Verkäuferin wiederum über unsere Rat- und Sprachlosigkeit staunt, siehe unten links), und endlich vor eine kleine Bar, wo wir uns an Espresso, Mineralwasser und Cannoli gütlich tun – bis gewissenlose Gesellen damit beginnen, das Geschäftslokal nebenan mit Presslufthämmern zu vernichten. Also zurück zum Bahnhof und nach Bologna, wo nach einer kurzen Ruhepause eine Reservierung zum wie immer köstlichen Abendessen auf uns wartet.

RAVENNA

Vor dem nächsten Ausflug wollten wir eigentlich einen Tag Pause einlegen, weil ebendieser Tag mein Geburtstag war (findige Leser können am Titel dieses Beitrags erkennen, der wievielte). Und diesen Geburtstag wollte ich mit – schon wieder – einem frühmorgendlichen Aufstieg nach San Luca beginnen. Am Bahnhof sehen wir dann aber, dass die italienischen Eisenbahner für den geplanten Ausflugstag einen Streik planen (Warum sollen sie denn nicht streiken, die Italiener – die können das wenigstens noch, im Gegensatz zu unseren Gewerkschaften, die seit langer Zeit immer nur mit der Regierung packeln), also bin ich flexibel und sage: „Gut, dann fahren wir morgen nach …“ Und hier stoße ich, wahrscheinlich altersbedingt, auf die traurige Erkenntnis, dass ich mir die Städtenamen Ferrara und Ravenna nicht zusammen merken kann; immer wenn mir einer einfällt, vergesse ich den anderen. Es dauert einen ganzen Tag, bis ich diese Hürde überwunden habe. Ich schiebe diesen geistigen Aussetzer natürlich auf die Hitze, weil irgendeine Ausrede findet man ja immer – zumindest, bis man auch die alle vergessen hat.
Nun gut, der kurzen Rede noch kürzerer Sinn: Wir reisen am Donnerstag mit einem frühen Zug nach Ravenna. Dort ist es auch nicht kühler, aber trotzdem sehr schön. Und phantasievolle Graffiti/Wandmosaike haben sie in dieser meeresnahen Stadt auch …

Die sind allerdings nichts gegen die byzantinischen Mosaike (laut Duden sollte es eigentlich auch „Mosaiken“ heißen, aber das ist schiach), die wir heute betrachten dürfen und die ich als mein ganz persönliches Geburtstagsgeschenk betrachte. Wir sind schon ganz früh in dem Kartenbüro, wo wir eine Kombi-Eintrittskarte für fünf Gebäude/Sehenswürdigkeiten erwerben, und machen uns gleich auf den Weg zur Basilica San Vitale.

Was die frühchristlichen Gebäude mit ihren Mosaiken in Ravenna auszeichnet und warum sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden (eine Auszeichnung, die übrigens viel zu häufig vergeben wird, aber in diesem Fall durchaus gerechtfertigt ist), das können Sie alles im Internetz oder auf Tourismusseiten nachlesen. Hier genügt es zu sagen, dass einem schon im Inneren von San Vitale die Luft wegbleibt …

… wenn man diese herrlichen und wunderbar restaurierten Kunstwerke sieht, die Atmosphäre des Gebäudes in sich aufsaugt …

… und seine Blicke nicht von den Mosaiken abwenden kann. Klicken Sie daher einfach die Photos (unten auch vom Baptisterium und vom Dom, später dann vom Museum) an, die meine geliebte Gattin Katharina gemacht hat, versenken Sie sich in die Betrachtung der Bilder und planen Sie schleunigst selbst eine Ravenna-Reise, wenn Sie diese Schätze noch nicht gesehen haben.

Mit ein bisschen Glück können Sie im Dom auch einen Geistlichen finden, der im Beichtstuhl geständniswilliger armer Sünder harrt und sich die Wartezeit mit dem Smartphone vertreibt. Die Welt steht nimmer lang …

Im Erzbischöflichen Museum warten weitere erstaunliche Anblicke, …

… und als wir nach ein paar Stunden die fünf Stationen unserer Kombi-Eintrittskarten absolviert haben, sind wir rechtschaffen müde und erhitzt, also setzen wir uns auf eine Bank, trinken Wasser und verzehren eine mitgebrachte Jause.

Dann geht es weiter mit der Suche nach Dantes Grab. In dem blätterüberwachsenen Erdhaufen auf dem Bild links unten hat man die Gebeine des großen Dichters gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versteckt, damit souvenirhungrige Alliierte ihn nicht eventuell mitnehmen. Das echte Grabmal mit dem Sarkophag steht gleich links daneben und ist einen Besuch – bzw. ein Photo von außen – wert.

Reiseführer und Internet sagen uns, dass die gleich ums Eck befindliche Basilika San Francesco um 12 Uhr zusperrt. Es ist 12 Uhr und drei Minuten – wir haben uns zu lange mit dem Grabmal von Dante Alighieri aufgehalten. Da wir aber wissen, dass Reiseführer sich gern irren und das Netz sowieso ein Hort der Lüge ist, gehen wir die paar Schritte zum Eingang der Kirche und finden sie natürlich offen vor. Das freut uns, weil es auch hier etwas Erbauliches zu sehen gibt: Unter dem Altar hat man ein Gewölbe freigelegt, dessen Boden mit einem Mosaik geschmückt ist. Da der Boden (weil die Kirche im Lauf der Jahrhunderte abgesunken ist) unter Wasser steht, hat man dort Fische ausgesetzt – der Reiseführer spricht von Koi, aber (siehe oben bezüglich der Verlässlichkeit solcher Werke) es sind eher Goldfische. Egal. Durch ein Fenster hat man Einblick in das Gewölbe, und gegen Einwurf von einem Euro oder 50 Cent (ich weiß es nicht mehr, es war jedenfalls nicht viel) kann man die Räumlichkeit beleuchten, um sich an ihrer Schönheit zu erfreuen und auch das eine oder andere Photo schießen.
Doch was müssen wir sehen? Die Touristen sind sierig und wollen nichts zur Erhaltung der schönen alten Kirche beitragen. In allen Sprachen denken und sagen sie: „Mein Handy ist eh auch eine Taschenlampe“, leuchten mit dem Blödphone in das Gewölbe, machen ein paar hatscherte Aufnahmen und ziehen ignorant ihrer Wege. Ich hingegen werfe eine Münze ein, freue mich über den schönen Anblick und gehe nach einiger Zeit wieder weg. Das Licht brennt großzügigerweise noch eine Minute oder so weiter – und siehe da, dieselben oder die gleichen Touristen (bei solchen Leuten ist die Unterscheidung wirklich wurscht) eilen zu dem Fenster und versuchen nun ordentliche Photos hinzukriegen. Was soll man da noch sagen? Am besten gar nix, schließlich ist Geburtstag.

Den versuche ich auch in dieser und anderen Kirchen Ravennas mit ihren beeindruckenden Darstellungen von Bischöfen und der Muttergottes zu genießen …

… und freue mich dann besonders über den Besuch einer Pop-up-Ausstellung (sagt man heute so?), in der man sich Dante-Impressionen/Interpretationen zeitgenössischer Künstler aus Ravenna anschauen kann, zum Teil sogar mit „Augmented Reality“. (Meine Frau zeigt mir die Bewegtkunst auf ihrem Handy, weil ich das neumodische Teufelszeug ja aus gutem Grunde meide …)

Nach einem Besuch im nur „sogenannten“ (wie Historiker versichern) Palast Theoderichs, wo es weitere unglaubliche Mosaike und sogar ein kleines Museum im Obergeschoß zu sehen gibt …

… wird es Zeit für ein nachmittägliches Erfrischungsgetränk (wenn wir die Bar vorher entdeckt hätten, wäre sie unser bevorzugter Ort für einen Imbiss geworden – statt der heruntergekommenen ehemaligen Nobelkonditorei mit ihren zachen Sandwiches …). Anschließend wird es Zeit für die Heimreise. Im Zug ist die Klimaanlage auf eine derart sibirische Kälte eingestellt, dass wir in unserem verschwitzten Gewand regelrecht frieren und meine Frau sich eine Kehlkopfentzündung zuzieht, die sie ein paar Wochen lang aufs Unguteste beschäftigen wird.
Dieses Leiden wird sie jedoch erst in Wien ereilen. Also verbringen wir unseren letzten Tag noch mit dem San-Luca-Aufstieg sowie Essen, Trinken und Bummeln in Bologna, bevor wir es am Abend endlich schaffen, uns auf dem Hauptplatz dieser mittlerweile sehr liebgewonnenen Stadt, wo im Rahmen eines sommerlichen Filmfestivals jeden Abend Freiluftvorführungen stattfinden, endlich einen ganzen Film anzusehen, statt wegen Müdigkeit, einbrechender Nachtkälte oder schmerzendem Gebein vorzeitig abzubrechen.

Der Streifen ist übrigens eine Simenon-Romanverfilmung, heißt „La Vérité sur Bébé Donge“ (deutscher Titel: „Die Wahrheit über unsere Ehe“), stammt aus dem Jahr 1952, ist mit Jean Gabin und der wunderbaren Danielle Darrieux großartig besetzt und stellt einen höchst erfreulichen Abschluss unseres heurigen Bologna-Aufenthalts dar.
Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.
(nach Diktat verreist) (ph)

zum ersten Teil


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