„You better start to move your feet …“
So sangen einst Madness, bevor sie in ihrem Song „One Step Beyond“ ihren „heavy, heavy monster sound“ ankündigten. Und so muss man es auch beim Pilgern und/oder Weitwandern halten: Beweg deine Füße, auch wenn sie dir schon verdammt wehtun. Steh in aller Früh auf, auch wenn du eigentlich tagelang durchschlafen möchtest. Pack deinen Rucksack, zwäng dich in deine Wanderschuhe, schling schnell ein Frühstück herunter und mach dich noch am frühen Morgen auf den Weg. Und dann geh einfach weiter, immer noch einen Schritt, bis zur nächsten Hügelkuppe, den nächsten paar Metern im Schatten, dem nächsten Teilziel.
Und dann noch einen Schritt darüber hinaus.
Nach dieser Devise brechen wir kurz nach sieben in Melk auf und spazieren durch leere Gassen, in denen uns gerade einmal ein Drache verabschiedet.


Durch den Auwald geht’s zur Donau, an der Donau entlang geht’s zum Kraftwerk, über das wir den Fluss überqueren, und dann geht’s auf der anderen Seite noch 20 Minuten weiter. Gott sei Dank ist es noch zu früh für Radfahrer, nur eine einzige Rollerblade-Kandidatin rast auf diesem Asphaltweg an uns vorbei und verschwindet am Horizont.


Endlich biegen wir zu einem Donau-Altarm ab, bleiben noch eine Weile im Auwald und sehen dann einen Jakobsweg-Wanderpfeil, der verkündet, dass wir uns bereits auf einem neuen Abschnitt befinden, nämlich „Südliches Waldviertel“. Und wie man weiß, liegt das Waldviertel um einiges höher als das Donautal.

Das zeigt sich dann auch recht bald, nachdem wir über einen Holzsteg in die Ortschaft Urfahr kommen und dort die Gleise der leider aufgelassenen Donauuferbahn überqueren. (Mir ist ja um jede aufgelassene Bahnstrecke leid, so wie mir in der Wandererrolle jede Autobahn oder Schnellstraße zwider ist …) Und schon geht’s steil bergauf, erst auf Steinboden zu einem Marterl …


… und von dort nach rechts weiter, immer mehr an Höhe gewinnend und nicht an den Besitzer dieser Turnschuhe (rechts unten) denkend, der an dieser Stelle das Wandern möglicherweise für immer aufgegeben hat und sich nun ein beschauliches Dasein vor einem Kaminfeuer-YouTube-Video auf dem Smartphone gönnt.


Das wollen wir uns aber gar nicht zu genau ausmalen, also steigen wir weiter ins südliche Waldviertel auf, an diesem seltsamen Kreuz mit Aussicht auf die Donau (Bild unten links) vorbei und über schmale, völlig unbefahrene Straßen einen grasbewachsenen Hügel empor. Dabei danken wir dem Herrn, dass sich um diese Uhrzeit wenigstens noch ein paar Wölkchen am Himmel halten. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als ein blitzblaues, wolkenloses Firmament, von dem die Sonne gnadenlos auf Mensch und Natur herniederknallen und sie durchrösten kann. (Schließlich bezeichne ich sie ja aus gutem Grund nur als „böses Gestirn“ … Im Frühjahr freue ich mich genau über die ersten zwei Sonnentage, dann wird es mir schon zu heiß und ich wechsle die Straßenseite oder setze die Fremdenlegionärskappe auf.)


Jedenfalls: Auch so hat der Aufstieg dazu geführt, dass wir nach Erreichen der Kuppe unsere Wasserflaschen schon ausgetrunken haben. Aber da sehen wir ja auch schon die Ortschaft Leiben vor uns, in der wir uns Nachschub erhoffen. Und wirklich: Zwei freundliche Damen, die gerade dabei sind, vor dem Gemeindeamt ein Büffet herzurichten (vielleicht für einen Frühschoppen, es ist ja Sonntag), lassen uns die Flaschen wieder auffüllen und frischen Mutes weiterziehen. Wir marschieren die Straße entlang und verlassen den Ort auf einem Feldweg. Auf dem geht es munter und recht eben dahin, bis mir links vom Weg, irgendwo unten am feuchten Grund, die Wandertafeln auffallen, die Sie auf dem Bild rechts unten sehen können. „Soll das vielleicht heißen, dass der Weg da unten weitergeht?“ frage ich mich und die ebenso erstaunte Gattin ungläubig. Und wir antworten uns und einander: Ja, das soll es heißen.


Was aber auch bedeutet, dass man unsicheren Fußes über einen Bach zu steigen, sich dann durch dichtes Gebüsch ein Stück bergauf zu kämpfen und immer was zu lachen hat (vor allem, weil man die kurze Dschungelphase erfolgreich hinter sich gebracht hat). Das Lachen – vor allem das der Gattin, weil die ja bekanntlich mehr zu lachen hat als ich – ist weithin vernehmbar, und als wir dann wieder einen Waldweg betreten, wartet da schon eine Wanderin, die uns mit schwyzerdütschem Akzent fragt, was denn da so lustig sei. Wir erklären ihr das, geben unumwunden zu, dass es eventuell gar nicht soooo lustig war, und kommen ins Plaudern.



Sie erzählt, dass sie vor ca. dreieinhalb Wochen in Zürich aufgebrochen ist und den Jerusalem Way geht – die Pickerln für diesen Pilgerweg haben wir in den letzten paar Tagen immer wieder gesehen. Sie ist also in der entgegengesetzten Richtung unterwegs und berichtet, dass sie selten Jakobswegpilgern begegnet, durchschnittlich einmal täglich. Das stimmt auch mit unseren Beobachtungen (also der Lektüre der Eintragungen in den Kirchen-Pilgerbüchern) überein. Munter tratschen wir weiter, über Jakobsmuscheln, Wanderschuhe und Unterkünfte, als plötzlich drei g’standene Herren aus dem Gebüsch hervorbrechen, aus dem wir vorher gerade lachend hervorgebrochen sind, und fragen, wer denn da so einen Krawall macht mitten im Wald. „Es handelt sich um eine spontane Pilgerversammlung“, bescheide ich die Neuankömmlinge und lade sie herzlich ein, an unserem Gespräch teilzunehmen. Nach kurzem Geplauder verabschieden wir uns dann wieder voneinander, woraufhin jeder seinen Weg weitergeht. Bis jetzt ist uns auf unserer Fußwallfahrt noch niemand Ekelhafter begegnet (wenn man von dem Ungustl in Maria Langegg absieht, aber der war ja dort stationär).


Als wir nach der Waldpassage und einem Abstieg ins Tal mit anschließendem Wiederaufstieg die Ortschaft Artstetten erreichen, bemerken wir erfreut, dass man sich auch dort auf die Jakobspilger eingestimmt hat (siehe Bilder oben). Der Himmel ist mittlerweile blitzblau und wolkenlos (siehe Anmerkung oben), und wir sind verschwitzt. Vielmehr: pitschnass, als wären wir in einen Teich gefallen … Also machen wir bei einem Rastplatz mit Trinkbrunnen in Artstetten Halt, essen Mannerschnitten und füllen Wasser nach. Meine wunderbare Frau Gemahlin erkennt zudem scharfen Blickes, dass es hier ein öffentliches Klo gibt (im Gemeindeamt) – ein Angebot, das ich gern nütze. Früher habe ich mich ja immer über den Kollegen Singer gewundert, der sich über jedes Häusl am Wegesrand freute; heute bin ich in einem Alter, wo ich diese Regung durchaus nachvollziehen kann.

Nach dieser notwendigen Erledigung streben wir zum Schloss Artstetten, zücken dort wieder einmal unsere Niederösterreich-Cards, stellen die Rucksäcke diesmal intelligenterweise bei der Kassa im Shop ab und besichtigen das Erzherzog-Franz-Ferdinand-Museum, das von einer Nachfahrin des Thronfolgers – die samt Familie auch hier wohnt – betrieben wird und unbedingt einen Besuch wert ist. Man erfährt viel über das Leben Franz Ferdinands, seine Lebensgeschichte, seine Jagdleidenschaft und das schmähliche Attentat auf ihn und seine Frau in Sarajevo. Auch die Familiengruft kann man besichtigen. Und wer beim Verlassen dieser herrlichen Schlossanlage nicht ein kleines bisschen Monarchist ist, der wählt wahrscheinlich grün und liest den „Rosa Beobachter“ …



Kurz durch ein Waldstück, aber hauptsächlich auf Feldwegen und Asphaltstraßen geht es dann weiter zu unserem heutigen Tagesziel, dem berühmten Wallfahrtsort Maria Taferl, dessen Basilika man schon von weitem sieht. Bis man sie erreicht, steht einem allerdings noch ein ziemlicher Aufstieg bevor, sodass man bei Betreten der gut besuchten Kirche nicht nur fußmarod, sondern auch schon wieder schweißgebadet ist.

Für einen Pilgerstempel und eine kurze Andacht reicht es bei mir gerade noch, für eine ausführliche Besichtigung der Basilika bin ich allerdings viel zu schwach und müde. Da wir aber für die nächste Etappe eh wieder hierherfahren werden, können wir das nachholen. Finde ich halt – und eile trotz ehelicher Proteste zur Busstation, um die langwierige Heimfahrt nach Wien anzutreten.


Im Bus begegnen uns auch die drei Wanderer von vorhin wieder, denen wir dann bis zum Aussteigen in St. Pölten immer wieder über den Weg laufen. „Wenn wir uns jetzt noch einmal treffen, müsst’s uns ein Bier zahlen“, sagt der eine. OK, versprochen.
PS: Nach ein paar Tagen (oder auch Wochen), wenn die Blasen an den Füßen verheilt und die Hitzeattacken erfolgreich verdrängt sind, kommen einem die bisher zurückgelegten Etappen wie das reine Idyll vor. Ich erinnere mich an besonders schöne Wegstücke und Aussichtspunkte, an erfreuliche Begegnungen und günstig gelegene Klos, an wohlschmeckende Mahlzeiten und schöne Unterkünfte – und habe sämtliche Strapazen vergessen. Daraus könnte man auch eine Lehre fürs Leben ziehen, nehme ich an. Aber die können Sie sich gern selber überlegen; ich bin ja nicht Ihr Seelsorger. (ph)
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