Mit den Füßen büßen

Es gibt Menschen, die sind spontan. Meine geliebte Frau zum Beispiel.
Und dann gibt es mich.

Spontane Menschen können zum Beispiel von einem Augenblick auf den anderen beschließen, ab morgen den österreichischen Jakobsweg zu beschreiten – nur weil sie irgendwo ein Buch darüber gefunden haben. Bei solchen Anflügen verlässt mich der Lebensmut. Sowas will bedacht sein, wohlüberlegt, ordentlich geplant. Gut, die ersten Etappen lassen sich tageweise absolvieren, von Wien aus mit der Schnellbahn und anderen Verkehrsmitteln, sodass man am Abend wieder zu Hause ist. Aber andererseits: Welchen Schuh ziehe ich an? Was ist alles mitzunehmen? Wie werden sich die chronisch schmerzenden Füße damit abfinden? Und: Warum so eilig? Schließlich ist für die ersten paar Tage des spontanen Beschlusses eine idiotisch hohe Temperatur angesagt, und die Anfangsetappen des Pilgerwegs gehen auf einer schier endlosen Ebene dahin, praktisch dauernd im prallen Sonnenlicht. Ich grüble.
Die geliebte Frau geht einstweilen schon einmal weg.

Als ich nach geraumer Zeit endlich beschlussfähig bin und das böse Gestirn einer halbwegs verlässlichen Wolkendecke gewichen ist, komme ich mit mir überein, die ersten Etappen nachzuholen, bis ich mit der Gattin auf Gleichstand bin und sich mein Entschluss eventuell sogar gefestigt haben wird. Glücklicherweise – und weil sie mich kennt – entscheidet sie (ebenso spontan), die erste Etappe mir zuliebe noch einmal zu gehen. Also auf nach Wolfsthal!
(Die Photos in diesem Beitrag stammen übrigens von der Sonnenwallfahrt meiner Frau.)

Als wir an der Endstelle der S7 in Wolfsthal ankommen (was dank ÖBB auch nicht mehr so einfach ist, weil man in Kaiserebersdorf umsteigen muss), wandern wir nicht auf die Königswarte hinauf, wie das Leser unseres Buches Wandern mit Kindern vielleicht schon getan haben), sondern orientieren uns an der Jakobsweg-Muschel, die uns von nun an über viele, viele Kilometer begleiten wird.
Bevor es aber losgehen kann, muss ich mich – zum Amüsement der Gattin – noch ordentlich „zsammrichtn“, wie man in Wien lang gesagt hat, bevor alle zum Piefkedeutsch übergingen: Schuhe neu binden, Rucksack adjustieren, für alle Fälle Sonnencreme mit Faktor 50 auftragen, im Wanderbuch nachlesen usw. Das kann schon ein paar Minuten dauern. Dann besuchen wir die Kirche, holen uns den ersten Stempel für unser neues Pilgerbuch und folgen endlich dem gelb-blauen Pfeil mit der stilisierten Jakobsmuschel (oft sind es auch nur Pickerln an Laternenmasten, die uns die Richtung weisen).
Häufig am Weg treffen wir auf Marterln, Bildstöcke oder Heiligenstatuen; es empfiehlt sich, dort immer einen Augenblick stehenzubleiben und Andacht zu halten – schon, um wieder zu Atem zu kommen.

Im Vorbeigehen werfen wir schnell einen Blick auf das schöne Schloss Walterskirchen, …

… bevor wir Wolfsthal verlassen und auf die Donau zuwandern, an deren Ufer wir eine Zeitlang verbleiben. Dabei können wir einen Blick über den Fluss auf die Burg Theben/Devin in der Slowakei werfen, die wir auch schon einmal aufgesucht haben. (Beim letzten Mal sind wir nach 10 km Anweg daran gescheitert, dass die Fußgänger- und Fahrradbrücke wegen Maul- und Klauenseuche gesperrt war. Ich meine, bei Radlern versteh’ ich’s ja, aber trotzdem …)

Danach betreten wir den Auwald vor Hainburg, wo wir uns eine Zeitlang auf die rote Markierung verlassen müssen …

… und vor der Ruine Röthelstein auf diese schöne Lourdes-Andachtsstätte treffen.

Auch sonst empfinden die Leute, die hier entlangwandern, oft erfreulich spirituell, hinterlassen Kerzen oder einfach nur bemalte Steine, die man mitnehmen und an der nächsten Station für einen künftigen Wanderer hinterlassen kann.

Nach der Ruine marschieren wir an der Donau entlang nach Hainburg …

… und betreten die Stadt durch das Tor in der Blutgasse – das man ebenfalls aus unserem Kinderwanderbuch kennt. Wir besuchen kurz die Stadtpfarrkirche, so wie fast alle Kirchen auf dem Weg (auch jene, in denen es keinen Stempel gibt) und zünden dort Opferlichter an, so wie mindestens einmal pro Etappe.

Danach verlassen wir Hainburg durch das Wienertor und freuen uns bald über einen Trinkwasserspender am Weg; die sind am Jakobsweg gottlob nicht allzu dünn gesät, sodass man als Wanderer nicht mehrere Liter Wasser im/am Rucksack mitschleppen muss. Als wir auf einem Spazierweg auf die große Donaubrücke von Bad Deutsch-Altenburg zuhatschen, sehen wir auf einer Bank einen traurigen Mann sitzen. Man merkt deutlich, dass ihn irgendetwas bedrückt, er sitzt gramgebeugt da und wendet den Blick ab, als wir vorbeigehen. Und schon meldet sich das Gewissen, das ich seit Klosterschulzeiten gezähmt zu haben glaubte … hätte ich ihn fragen sollen, ob ich ihm irgendwie helfen kann?

Vor Bad Deutsch-Altenburg gabelt sich der Weg. Der linke Ast führt an einer Straße bergan zur Marienkirche oberhalb des Ortes. Wir schwitzen uns hinauf, erreichen das Gotteshaus auch – aber leider hat es (obwohl einer der konsultierten Wanderführer das Gegenteil behauptet) zu. Also genießen wir einfach den wunderschönen Park rundherum, wandern einen Fußweg zur Mariengrotte hinunter, verweilen dort kurz und suchen dann das Römermuseum auf, das ich noch nie vorher besichtigen konnte. Aber jetzt! Es ist übrigens ein ausgesprochen schönes und informatives Museum.
In der Elisabethkapelle des Ortes, einem modernen Gebäude, das etwas Gemeindebauähnliches hat, finden wir – wie in vielen Kirchen entlang des Weges – eine Räumlichkeit, die den Gläubigen zur Beichte und Aussprache zur Verfügung steht. Auf dem Photo rechts unten wartet allerdings nur die Stola eines Geistlichen darauf, dass man ihr seine Sünden und Probleme anvertraut. Ich hab’s gar nicht erst probiert – soviel Zeit hat kein Mensch.

Ab jetzt beginnen die gefürchteten Mühen der Ebene: schier endlos lange, geradeaus verlaufende Feldwege, an denen nur selten wenigstens interessante Gräser gedeihen, …

… ansonsten nur der Blick in die Ferne, damit man jetzt schon sieht, wo man in einer Stunde sein wird. Aus diesem Grund wollte ich nie im Flachland wohnen.

Dennoch: Nach etwa 20 km erreichen wir Petronell, holen uns in der dortigen Pfarrkirche einen Stempel und freuen uns über einige Erklärungen zu wichtigen Heiligen der katholischen Kirche, bevor wir zum Eingang des archäologischen Parks Carnuntum (ich verweise wieder einmal auf Wandern mit Kindern) kommen, wo aber um die Zeit eh schon fast Sperrstunde ist. Also nehmen wir gegenüber vor der Legionskneipe Platz, die wir schon einmal erproben wollten, stürzen wegen des hohen Flüssigkeitsverlusts zwei ordentliche Radler hinunter und kommen mit freundlichen Einheimischen ins Gespräch, die hier auf zwei, drei Bier länger verharren.

Wir hingegen müssen weiter, etliche Kilometer gnadenlose Feldwege warten noch auf uns, aber vor dem Finish haben wir noch Gelegenheit, uns das wunderbare Heidentor anzuschauen, das wie immer ein ästhetisches Erlebnis ist und ein Gefühl für Geschichte weckt.

Danach geht’s durch eine Windmühlen-Horrorlandschaft weiter bis in die kleine Ortschaft Wildungsmauer, wobei wir uns auf den letzten Metern besonders beeilen, um rechtzeitig die Schnellbahn zu erreichen. Wir sind auch drei Minuten vor der Abfahrtszeit dort, aber dann sagt Chris Lohner plötzlich durch, dass aus irgendwelchen der üblichen absurden ÖBB-Gründe „dieser Zug entfällt“. Na bravo. Gott sei Dank (und zwar ernsthaft) gibt’s ein Bankerl am Bahnsteig, scheint die Sonne nicht zu sehr darauf, und dauert es nur eine halbe Stunde bis zur nächsten planmäßigen Abfahrt.
Bei dem Zug müssen wir dann zwar ebenfalls wieder in Kaiserebersdorf aussteigen, aber das ist ist auch schon wurscht … (ph)

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