Giganten

Höhlen haben sowas Anheimelndes – vor allem dann, wenn sie nicht allzu klaustrophobisch und eng, gut beleuchtet und touristisch erschlossen sind. Also: Schauhöhlen. Man ist ja kein Speläologe, der tief unter der Erde im Finstern herumklettern, tauchen und durch enge Schlupfe kriechen will …

Der Karst in der bergigen Gegend um Triest hat jede Menge Höhlen, Grotten und unterirdische Gänge zu bieten – wie man hört, alles in allem mehr als 6.000 Stück. Eine davon ist die Grotta Gigante, die wir an unserem dritten Triestiner Ausflugstag (die Berichte über Tag 1 und Tag 2 können Sie gern nachlesen) besuchten. Nach einer Anreise mit einem der bewährten Busse – noch dazu mit einer freundlichen und auskunftsfreudigen Fahrerin – und einem kurzen Fußweg waren wir beim Eingang der Grotte, wo unsere Anmeldung bestätigt wurde (ah ja, wichtiger Tip: unbedingt vorher anmelden!) und wir bis zum Beginn der Führung noch ein kleines, aber umso informativeres höhlenkundliches Museum besichtigten.

Photos können dieser Höhle unmöglich gerecht werden. Nicht nur die hochaufragenden Sinterwände und Tropfsteine sind atemberaubend, sondern auch die Stufen, die zum Boden der Grotta Gigante hinunter- und auf der anderen Seite wieder hinaufführen. Es sind übrigens jeweils 500 Stufen, wie schon die Website warnt und wie es auch bei der Führung heißt: 500 Stufen hinunter und 500 hinauf. Die junge Mitarbeiterin, die unsere Führung leitete und auch ein sehr gutes Deutsch sprach, bewältigt diesen Auf- und Abstieg mehrmals am Tag – also würden auch wir es schaffen und uns dabei wie in einem Fantasy-Film fühlen.

Die Höhle wurde im Jahr 1840 entdeckt, als man (vergebens) nach einem unterirdischen Flusslauf suchte, der Triest mit Wasser versorgen sollte. Ab 1890 erforschte man sie dann intensiv – und bereits sieben Jahre später war ein vollständiger Plan erstellt. Seit 1908 werden Führungen durch die Grotta Gigante veranstaltet, anfangs mit Kerzen (deren Spuren man heute noch sieht) und bengalischer Beleuchtung. Die elektrischen Lichter wurden erst in den 50er Jahren installiert, und seit 1957 ist die Höhle eine Touristenattraktion. Die große Halle ist 98,5 Meter hoch, 76,3 Meter breit und 167,6 Meter lang. Geben Sie zu – Sie wollten das ganz genau wissen.

Mit diesen Ausmaßen schaffte es die Grotta Gigante auch ins Buch der Rekorde — als größte Schauhöhle der Welt. Erst 2010, so behauptet die Wikipedia, wurde sie von einer noch größeren Höhle in Frankreich abgelöst. Aber erstens ist die Wikipedia das übelste Spielverderbermedium der Welt, und zweitens: Franzosen … Wir haben jedenfalls jeden Meter dieser Stiegen und Stege, den Anblick der Stalagmiten (deren größter 12 Meter hoch ist und Ruggero heißt) und Stalaktiten sowie die stetige Temperatur von 11 Grad in der Grotta genossen.

Na gut, jeden Meter vielleicht nicht … Warum muss es eigentlich in jeder Touristengruppe, die an einer Führung teilnimmt, mindestens eine nervende, laute, hirnlose Piefkefamilie geben? Ist das Vorschrift, damit sich andere Menschen nicht allzusehr am Gezeigten erfreuen können? In unserem Fall war es sogar eine Großfamilie samt Großeltern, drei Kindern und einem supergscheiten Begleiter. An letzteren hat sich die oberlippenlose Kindesmutter zuweg’haut, während der brave Papa die Bälger die Stufen hinab- und den Weg entlangschleuste, während sich Opi nicht entblödete, mit den Kindern zu SINGEN! Weil es ja nirgends ruhig sein darf, wo Piefke sind … Aus diesem Grund hat das verzogene jüngste Deppenkind auch wiederholt mit dem Fuß gegen das Geländer getreten und Lärm geschlagen, bis es sogar der höflichen Führungskraft zu blöd wurde. Nicht, daß sich Piefke von sowas länger abhalten ließen.

Ja, ich weiß: Die sind so, die müssen so sein, die können nicht anders – und deswegen sind sie auch auf der ganzen Welt so beliebt. Man sollte eigene Schauhöhlen für sie eröffnen, wo man sie dann für ein paar Tage im Finstern einsperrt.

Jössas, war das jetzt „Hassrede“? Auch wurscht.

Jedenfalls: Die zwei weißlichen Schläuche, die man auch auf obigem Bild von der Höhlendecke herunterhängen sieht, sind nicht etwa Notrettungsseile, sondern geodätische Pendel zur Messung von Bewegungen der Erde. Wieder was gelernt.

Und auf obigem Bild sieht man nicht nur wieder eine besonders schöne Tropfsteinformation, sondern auch ein schwarzes Loch, hinter dem es noch weiter hinuntergeht. Aber da dürfen nur Profi-Höhlenerkunder hinein. (Obwohl: Wir hätten da ein paar Piefke …)

Aber nein. Lieber die 500 Stufen hinauf, in die vergleichsweise schwüle Hitze draußen und dann zwei, drei Busstationen die Straße entlang zu Fuß, um ein bissl Abstand zu gewinnen. Dann kam auch schon der Bus, der uns zur nächsten Attraktion brachte – einem Gebäude, das aus ganz Triest sichtbar ist und von den Einheimischen mehr oder weniger liebevoll „formaggino“ (Käseecke) genannt wird: die Wallfahrtskirche Monte Grisa, die auf dem gleichnamigen, 330 Meter hohen Berg residiert. Auf der Strada Napoleonica, die unterhalb der Kirche beginnt, sind wir in Teil 1 entlangmarschiert.

So schaut sie aus – ein brutalistischer Sichtbetonbau, der genausogut im Ostblock stehen könnte und die grundsätzliche Abscheulichkeit moderner Architektur offenbart. Aber man kann sich dem Reiz dieser Kirche doch nicht entziehen, vor allem, wenn man in ihr herumspaziert, sich die diversen Altäre und Verkaufsstände anschaut und weiß: Eine ordentliche Religion können nicht einmal Architekten kaputtmachen.

Vor dem Haus steht übrigens die Statue eines Kirchenmannes, der sich den Hut hält und gen Himmel deutet. Ihm mussten wir es gleich nachtun.

Auf dem Panoramabild sieht man das beeindruckende Gotteshaus, die noch beeindruckendere Landschaft und weit unten die Stadt Triest, aber am beeindruckendsten: den Himmel mit seinen Wolkenformationen. Die können in Triest schon was, obwohl bei unserem Besuch von der „Stadt der Winde“ keine Rede sein konnte. Kaum ein Lüftchen hat geweht …

Den Weg Richtung Triest legten wir diesmal auf einem der vielen Pfade oberhalb der Strada Napoleonica zurück. Und da wir uns von jedem Wegweiser und jeder obskuren Markierung ins Dickicht locken lassen, stießen wir auch auf dieses interessante Steingebilde, bei dem es sich um ein Werkzeug zur astronomischen Beobachtung gehandelt haben dürfte (wenn unsere geringen Kenntnisse des Ausländischen uns nicht völlig täuschen).

Auch bei diesem Waldpfad handelte es sich um einen gepflegten und mit Rastbänken versehenen Promenadenweg, nur halt weiter oben. Übrigens finden sich sowohl hier als auch auf dem bereits beschriebenen Rilkeweg überall militärische Befestigungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, mit denen man die Küste vor dem Feind schützen wollte. Gebracht hat’s nicht viel – aber immerhin kann man manche dieser Bunker und Geschützstellungen (auf eigene Gefahr) sogar von innen besichtigen.

Mit dieser Aussicht auf Triest und die Wolkendecke darüber (die sich in den kommenden Tagen fast völlig zugunsten gnadenlosen Sonnenscheins entfernte) beenden wir unsere „Fremdgehen“-Reiseberichte aus Triest. Diesmal sind wir übrigens nur bis zum Obelisken gewandert und haben von dort den Bus in die Stadt genommen, statt uns noch einmal über die Scala Santa hinunterzuquälen.

Demnächst wird es hier wieder um den Wienerwald gehen, versprochen. Aber immerhin ist ja jetzt Urlaubszeit … (ph)


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