Der Obelisk

Ganz schnell war es Frühling. Noch ein, zwei Wochen vorher lag überall der Schnee, drohte man auf dem Glatteis auszurutschen, musste man sich in mehrere Schichten Winterkleidung hüllen und festes Schuhwerk anziehen – und plötzlich schmolz alles weg, der Himmel war blitzblau und die Sonne kam heraus. Dass sie gleich so scheinen musste wie sonst erst im Mai oder Juni, war zwar etwas übertrieben, aber nach diesem Winter (der für den Verfasser dieser Zeilen aus privaten Gründen der schlimmste seines Lebens war) konnte man das schon aushalten, wenigstens für ein paar Wanderstunden.

Am Beginn unserer traditionsreichen Greifenstein-Tour – der ersten, die wir in die Urfassung unseres unverzichtbaren Buches Wandern im Wienerwald aufgenommen haben und beide (Helmuth A. W. – der heute leider nicht dabei sein kann – und ich) seid Jugendjahren immer wieder gegangen sind – pfeift uns eh noch ein kalter Wind um die Ohren. Wir kommen am Gasthaus Brauner Bär vorbei, gleich auf der Hauptstraße 10 in Greifenstein, und registrieren zu unserer Freude, dass dieses Lokal nach einer seeehr langen Pause wieder geöffnet hat. Für unsere Zwecke ist es zwar nicht unbedingt geeignet, weil es direkt am Beginn der Wanderung liegt und erst um 11 Uhr vormittag aufsperrt (da wollen wir schon längst woanders sein), aber falls sich jemand entscheiden sollte, die Tour in die andere Richtung zu gehen, könnte man sich hier zum Abschluss eine Mahlzeit oder Erfrischung gönnen.

Wir gehen weiter, durch die Hadersfelder Straße (wo wir wie immer beim Greifenstein-Burgmodell haltmachen, das diesmal unser Beitragsbild ist) zur Kostersitzgasse und beginnen den Anstieg zum Burgweg. Das Schild, mit dem der „Unternehmer“, dem man die Burg Greifenstein leider billigst überlassen hat, seit vielen Jahren das einfache Volk am Schmäh hält, verrät uns nun, dass die Burg nicht mehr bis 2023, sondern „bis auf Weiteres“ für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Wer hätte ernsthaft etwas anderes erwartet?

Über den Burgweg gelangen wir zu dem Platz am Waldrand, wo man aus der Nähe auf die Burg hinuntersieht – und stellen fest, dass sich da in Sachen Bau- oder Renovierungsarbeiten gar nichts tut.

Wir folgen etwas enttäuscht dem gelben Pfeil, der uns Richtung „Hadersfeld Glockenturm 40 Min.“ weist, und schreiten weiterhin munter bergauf. Erste Änderung: Kurz vor den Resten eines Drahtzauns links vom Weg zweigt ein schmaler Pfad links ab, den wir ein paar Meter bis zu einem Aussichtspunkt gehen. Von hier aus haben wir einen schönen Blick auf Greifenstein, die Donau und den Altarm, wie er auch das Cover unseres Buches ziert:

Weiter geht es auf dem Hauptweg, durch den noch blattlosen, aber schon leicht frühlingshaft begrünten Wald bis zu einer Wegteilung mit mehreren gelben Tafeln – und damit zur zweiten Änderung gegenüber der im Buch beschriebenen Route. Da das letzte Stück des Aufstiegs nach Hadersfeld durch diverse Rodungen ziemlich unattraktiv geworden ist, nehmen wir an diesem Kreuzungspunkt den mittleren, unmarkierten Traktorweg und folgen ihm durch den Wald bergauf, bis wir auf einen Drahtzaun und einen gelb markierten Pfad stoßen. Hier gehen wir nach rechts weiter und kommen nach wenigen Minuten zu einem Wiesengrundstück, auf dem ein Obelisk aufragt.

Warum wir dieses Denkmal bisher ausgelassen haben, verstehen wir heute selber nicht mehr. Der Wegweiser „Zum Obelisken“ hat uns ja schon viele Jahre lang fasziniert … Jedenfalls ließ besagten Obelisken ebenfalls Fürst Johann Josef von Liechtenstein errichten, dem wir neben vielem anderen auch die Burg Greifenstein verdanken und der Anfang des 19. Jahrhunderts rund um das Jagdschloss Hadersfeld einen Naturpark gründete. Hier kann man sich hervorragend in Feldherrenpose inszenieren (noch dazu mit der Rommel-Sonnenschutzkappe, auf die der Autor dieses Beitrags nicht mehr verzichten mag) und so tun, als würde man gleich zum Maschinengewehr greifen.

Nein, genug von kriegerischen Gedanken! Da treten wir doch viel lieber andächtig den Weg hinunter zur stets höchst erbaulichen Lourdesgrotte an, die wir etwa Eindreiviertelstunden nach Beginn der Wanderung erreichen. Einer von uns beiden nimmt Platz und schaut andächtig in sein Handy, der andere (siehe Photo) füllt seine Trinkflasche mit heiligem Wasser auf, weil man das immer brauchen kann, und investiert locker 20 Euro in Kerzen, die er vor und in der Grotte anzündet, aber auch nach Hause mitnimmt. Hoffentlich mit dem Segen der Muttergottes …

Kurz überlegt einer der mutigen Feldherren, die Wanderung hier vorzeitig abzubrechen, aber dann siegt doch die Disziplin, und wir machen uns an den Aufstieg nach Hintersdorf. Da die Bäume wie gesagt noch blattlos sind, scheint uns auf dem gesamten Weg heute (immerhin 20 km) die Sonne in die Augen. Aber darüber darf man sich – wie das Leben gezeigt hat – nicht zu sehr aufregen, sonst wird man kaltblütig ausgetauscht. (Das gehört vielleicht nicht hierher, stimmt schon, aber dass es so sein kann, enttäuscht einen doch …)

Von Hintersdorf geht’s bergab, Richtung Haselbach, wo es zweimal den gleichnamigen Wasserlauf zu queren gilt. Da der heute ziemlich zahm ist, stellt das kein größeres Problem dar. Vorsichtig sein muss man trotzdem, weil ausg’rutscht is schnell …

Und dann geht es durch den Naturpark Eichenhain – in dem früher tatsächlich Unmengen von Eichen standen, wie ältere Semester noch selbst gesehen haben – stetig bergan, durch brutal ausgeholzte Wälder und auf dadurch schier endlos wirkenden Forststraßen, bis wir die Windischhütte erreichen.

In diesem bewährten Ausflugslokal essen wir zuviel (die Torte hätten wir uns sparen können, sagt uns der Magen während der restlichen Strecke immer wieder), trinken Radler und Zitronenkracherl – und brechen schließlich auf, um den Rest dieser Tour (übrigens der Nr. 5 mit dem Titel „Vom Wasser zum Wein“ in unserem Buch) zu bewältigen. Wie sich der genau gestaltet, das können Sie in Wandern im Wienerwald nachlesen. Aber nicht die aktuellen Änderungen vergessen, sonst verpassen Sie was! (ph)

(Photos: Andreas Winterer)


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