Augenbad

The A-Series, Pt. 1

Es geht ums Überleben.

Mit diesem Gedanken fiel ich am Abend vorher ins Bett – und er ließ mich vor lauter Nervosität kaum schlafen. Es war fast Mitte August, und die diversen Wetterberichte hatten Hundstage angekündigt: wolkenlos, bei 32 Grad im Schatten oder knapp darunter, auch in der Nacht kaum Abkühlung. Wånn mi des Reisebüro ned vermittelt hätt’ … Nein, im Ernst: Bei solchen Temperaturen geht man nicht wandern, das wusste ich immer schon. Diesmal ging es sich aus diversen Gründen (wie im Bericht über die vorangegangene Etappe erläutert) zwar nicht anders aus, aber die folgenden fünf Tage bestärkten meinen Entschluss, ab jetzt bei mehr als 30 Grad das Haus nur mehr zu den notwendigsten Unternehmungen zu verlassen.

Aber jetzt waren die Rucksäcke schon gepackt, die Wasserflaschen vorbereitet und die Wanderpanier bereitgelegt (nur in diese blöden Stützstrümpfe komme ich nicht rein, da droht der Herzkasperl). Also früh aufstehen, pünktlich die Bahn erwischen und bis Ybbs fahren. Dort wartet schon das Taxi, das ich – aufgrund unserer Erfahrungen aus der vorigen Folge, also siehe wieder dort) – zehn Tage vorher telefonisch bestellt habe und das uns vom Bahnhof zum Besucherkraftwerk Ybbs-Persenbeug bzw. der Bäckerei-Pension Weinberger bringen soll, wo wir letztes Mal den Jakobsweg verlassen haben.

Bestens. Der Taxler ist da, hilft uns die Rucksäcke einladen, plaudert während der zehnminütigen Fahrt freundlich mit uns, lässt uns vor der Bäckerei mit dem großen Salzstangerl aussteigen, weil die Gattin noch ein Weckerl erwerben will und schreibt dann seine Rechnung. Über 75 Euro. „75 Euro?!“ frage ich ungläubig. „Ihre Kollegin in der Zentrale hat gesagt, dass die Tour ungefähr 25 Euro kosten wird.“ Der Fahrer wird unruhig, stammelt irgendwas von „Der Chef hat gesagt … wegen der Anfahrt … und der Rückfahrt …“, und ich sage: „Ich zahl’s schon, aber da werde ich mich trotzdem erkundigen.“ Da streicht er die „75“ auf seiner Rechnung durch, macht „25“ draus und lenkt ein: „Na, wenn’s die Kollegin gsagt hat …“
Mit die „depperten Weana“ kann man’s ja machen. Oder auch nicht.

Also los. Es ist jetzt schon sauheiß. Wir gehen am Kraftwerk vorbei ein Stück die Straße entlang und biegen nach etwa einem halben Kilometer links ab, wo es relativ stark ansteigend bergauf geht. Der Weg ist ziemlich überwachsen. Ich kämpfe mich durch, als von hinten ein Notruf ertönt, weil sich die geliebte Ehefrau mit ihrem Rucksack im Gestrüpp verhängt hat. Das Photo unten zeigt eine neuzeitliche Lebensregel: Sogar wenn nix mehr weitergeht – für ein Selfie ist immer Zeit.

Der erste Abschnitt der heutigen Etappe führt zwar bergauf, ist aber schön und lässt uns auch durch Waldabschnitte wandern. Ein erster Hinweispfeil zeigt uns, dass wir uns (immer noch, und zwar schon seit Maria Taferl) auf dem Jakobsweg-Abschnitt Mostviertel befinden.

Kurz vor den paar Häusern, die den Ort Hengstberg darstellen sollen (da kommt man übrigens auch an der lockend geöffneten Hengstberghütte und einem alten Skilift vorbei) erfreut uns eine Naturschönheit, nämlich eine Menge Schmetterlinge, die es anscheinend alle auf die untenstehende Pflanze abgesehen haben und ein hervorragendes Photomotiv darstellen.

Ansonsten: hohe Maisfelder, zwischen denen der Weg über weite Strecken verläuft. Stephen-King-Country. „Children of the Corn“. Man rechnet stets mit dem schlimmsten. Wäre immerhin eine Abwechslung.

Als wir so durch die Hügel spazieren, verliert sich der Weg an manchen Stellen ein wenig bzw. sind die Markierungen gut versteckt angebracht. Mein Instinkt hilft mir zwar weiter („Das kann nicht stimmen, wir müssen falsch sein“), erspart uns aber mittellange Umwege nicht. Ich muss zähneknirschend zugeben, dass hier das Smartphone hilfreich ist, indem es uns hier den nur undeutlich sichtbaren Weg weist; das hätte rein mit Buch und Karte länger gedauert …

Es geht hinab ins tiefe Tal, danach – no na – wieder hinauf auf steilem Wald- und dann Feldweg. Als wir verschwitzt und keuchend bei den nächsten paar Häusern anlangen, sieht Katharina – die mit ihrem geübten Auge links und rechts schaut und nicht wie ich nur verzweifelt auf den Weg oder gleich auf den Boden – ein altes Fahrrad zwischen Bäumen mit folgendem Schild:

Und wirklich – da ist ein Kühlschrank, gefüllt mit kühlen Getränken und versehen mit einem Pilgergruß, daneben im Schatten ein Tisch und ein paar Sessel. Wir nehmen Platz, inhalieren in tödlichem Tempo eineinhalb Liter Sodawasser und atmen ein bissl durch, als die Frau des Hauses – die uns vorher schon gutgelaunt begrüßt hat – noch einmal vorbeikommt.

Sie spendiert uns frische Radieschen frisch vom Acker, plaudert ein wenig mit uns und schenkt uns den Glauben an die Menschheit am Jakobsweg wieder. Also nicht, weil wir schlechte Erfahrungen mit den Menschen am Jakobsweg gemacht hätten (außer mit dem Taxler, aber der war streng genommen ein paar Meter neben dem Weg), sondern weil man so gut keine Menschen sieht an diesem Samstag. Die bleiben nämlich bei der Hitze zu Hause.

Wir hingegen hatschen weiter, ab jetzt fast nur noch auf Asphalt, freuen uns darüber, dass wir an der Lueger-Kapelle vorbeikommen (der Vater des großen Wiener Politikers stammte aus Neustadtl) und die hier im Gegensatz zum Wiener Lueger-Denkmal nicht von Idioten beschmiert und im Sinne der „Erinnerungskultur“ geschändet ist, …

… werfen einen Blick in jedes Marterl am Weg und bekreuzigen uns vor der Jungfrau Maria, bevor es schier unermüdlich weitergeht …

Irgendwann taucht auch Neustadtl am Horizont auf. Schaut weit weg aus … und ist in Wirklichkeit noch weiter weg. Die letzten Meter in die Ortschaft verläuft der offizielle Jakobsweg – um eine Straßenkurve abzuschneiden – über einen Wiesenweg mit unzähligen Heuhupfern steil bergauf.

Neustadtl an der Donau liegt gar nicht an der Donau, sondern recht weit oberhalb. Und es gibt sich als Pilgergemeinde aus, hat sogar eine Jakobstraße und eine entsprechende Statue unterhalb der Kirche zu bieten. Aber ansonsten – menschenleer. Das angekündigte Volksfest, für das schon Tische aufgebaut sind, beginnt erst in ein paar Stunden.

Die Kirche bietet uns den ersten Stempel des Tages, das danebenliegende öffentliche Klo die dringend benötigte Gelegenheit, unsere Wasserflaschen aufzufüllen.

Dann geht es weiter, an Sportplätzen vorbei, auf Asphalt durch die zugegebenermaßen schöne Landschaft mit der noch schöneren Aussicht unter gleißender Sonne. Unser Tagesziel taucht am Horizont auf …

… und ist ebenfalls erst nach einem zähen Straßenanstieg zu erreichen. Der Blick ist zu Boden gerichtet, wir blicken nur alle 50 Meter oder so auf, um zu sehen, ob wir inzwischen ein bissl weitergekommen sind. Und auf einmal … der Schuhbaum. (Ist der Rest von den Pilgern irgendwo in der Nähe vergraben?)

Schließlich erreichen wir wieder den Gipfel eines Hügels – und da ist Kollmitzberg. Für unsere erschöpfungsbedingt verengte Wahrnehmung beschränkt sich die Ortschaft auf eine Kirche mit angeschlossenem Friedhof sowie den Gasthof, in dem wir untergebracht sind. Also zuerst in die Kirche, soviel Zeit muss sein. Wir stellen fest, dass die Wallfahrtskirche der heiligen Ottilia gewidmet ist, die laut christlicher Legende im 7. und 8. Jahrhundert lebte, blind zur Welt kam und nach ihrer Taufe mit zwölf Jahren das Augenlicht erlangte.

Wir bedanken uns bei der Heiligen dafür, dass sie uns sicher und sehend hierhergebracht hat. Dann betreten wir den gleich neben dem Gotteshaus liegenden Gasthof „Alpenblick“, plaudern noch ein paar Worte mit einem spanischen Fahrrad-Pilgerpaar und lassen uns dann vom Wirten in unser hochmodernes, perfekt ausgestattetes Zimmer bringen. Der Ausblick auf die Berge wird dem Namen des Hauses mehr als gerecht. Nur schade, dass Wanderer wie wir gleich einmal ihre verschwitzte und frisch durchgewaschene Wäsche ins Panoramafenster hängen. Aber wie sagte schon Karlsson vom Dach? „Das stört keinen großen Geist.“

Nach dem wunderbaren Abendessen und ein paar Radlern zum Wiederauffüllen des körpereigenen Flüssigkeitsspeichers finden wir unterhalb des Gasthofs noch eine wunderschön geschnitzte Statue der Heiligen und daneben einen Ottilienbrunnen, mit dessen Wasser man sich die Augen benetzen kann. Nicht nur die Aussicht ist also hier ein reines Augenbad …
Da fällt mir übrigens mein alter Freund und Wanderkollege Helmuth A. W. Singer ein, der mich schon in jungen Jahren mit der großartigen Erfindung der Augenbadewanne bekannt machte. Ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen – und wenn ich so darüber nachdenke, auch nachher kaum wieder. Aber das ist, wie man sagt, eine andere Geschichte. Jetzt hätte ich so eine Augenbadewanne jedenfalls gern dabei, um sie mit dem heilenden Wasser aus dem Brunnen zu füllen.

PS: Das erste schwere T-Shirt wurde aus Gewichtsgründen im Gasthof „Alpenblick“ entsorgt. Ich hab’s ja nur mitgeschleppt, falls schlechtes Wetter kommt, aber das bleibt leider sowieso aus. Und wir wissen ja: Es geht ums Überleben. (ph)

zur 1. Etappe

zur nächsten Etappe


Ein Gedanke zu “Augenbad

Hinterlasse einen Kommentar