Ja, aber …

Man liegt im Leben recht häufig daneben …
JA, ABER … es könnte doch auch sein, dass du zufällig einmal recht hast. Obwohl – die Wahrscheinlichkeit ist zugegebenermaßen äußerst gering.

Dann ist ein solcher Pilgerweg wohl genau das Richtige, um zur Selbsterkenntnis durch innere und äußere Betrachtungen, kleine und größere Erlebnisse am Wegesrand sowie ein gerüttelt Maß an Kontemplation zu gelangen. Sowas wie „Selbstfindung“ geht sowieso nicht, weil ich mich bekanntlich nie verloren habe.
JA, ABER … du machst schon wieder alles komplizierter, als es ist.

Auch wieder wahr. Also auf nach Purkersdorf, zur dortigen Jakobskirche, wo die vorige Etappe ihr Ende gefunden hat. Diesmal pilgern wir wieder gemeinsam, die Gattin und ich, ein ganzes Wochenende lang. Gleich zu Beginn führt unser Weg auf den Troppberg. Den kennen wir ja schon aus unserem Wienerwald-Wanderbuch, wo er gleich bei zwei Touren bestiegen und besucht wird.

JA, ABER … dieser Aufstieg heute ist ein anderer. Das sollte man die Leser schon wissen lassen.

Wisset also, Leser: Wir wandern von Purkersdorf aus auf Waldwegen und Schotterstraßen bergan und beschreiten erst ab dem Punkt das aus dem erwähnten Wanderbuch vertraute Terrain, wo der Weg zur Hochramalm abbiegt. Von da an ist die Route bekannt.
JA, ABER … wäre sie sooo bekannt, dann wären wir doch nicht mindestens einen Kilometer lang in die falsche Richtung spaziert und hätten dann wieder zurückgemusst, um die richtige Abzweigung zu suchen.

Stimmt schon. Wieder ein Fehler. Man muss halt immer genau schauen, auch wenn ansonsten alles gut markiert ist, darf sich nicht auf die Beschreibungen in fremden Wanderbüchern verlassen und sollte beachten, dass manche Abzweigung einfach geschickt verborgen ist. Und von dieser geht es steil und steinig bergauf.
JA, ABER … vielleicht hätte uns auch der andere Weg ans Ziel geführt.

Ja, vielleicht. Wer weiß das schon? Da hilft nur das bekannte Irrtums-Irrtums-Lernen (Definition: Mach erst etwas falsch, damit du es danach garantiert wieder falsch machst und wieder nix daraus gelernt hast). Jedenfalls kommen wir schließlich auf den Gipfel des Troppbergs, erfreuen uns dortselbst an der mitgebrachten Jause und ersteigen sodann – als hätten wir nicht genug zu hatschen – die höhere der beiden Warten. Richtig, die mit den Drahtgitterstufen, durch die man auf den Boden hinunterschauen kann, was besonders für Schwindelunfreie eine Freude ist.
Als wir dann unten noch kurz verharren, rennt ein Bergauf-Bergab-Jogger vorbei, der trotz der Strapazen während des Waldlaufs in sein Smartphone plärrt. Ein Trottel, offensichtlich.
JA, ABER … vielleicht muss er seinem Gesprächspartner was Wichtiges mitteilen, das sich nicht aufschieben lässt.
NEIN. Eindeutig ein Trottel. Wer zum Telefonieren in den Wald geht, ist schon einmal grundsätzlich verdächtig. Wenn er aber noch dazu, wie man es heute allerorten sieht, die Handy-Semmel schräg an die Schläfe hält und ins Leere keucht und plappert, während die Stimme des Unglückswurms am anderen Ende laut im Gehölz ertönt, IST … UND … BLEIBT … ER … EIN … TROTTEL. Punkt.
JA, ABER …
Nix.

Weiter führt der Weg durch Gräben mit riskanten Übergängen, über teilweise eingestürzte Brücken …
JA, ABER … das sind halt Abenteuer!

… also durch Abenteuerszenarien, die man nicht wirklich braucht, bis wir unterhalb der Riederberghöhe zur Ruine des Franziskanerklosters „Sankt Laurentius Im Paradies“ gelangen, um dort kurz zur Andacht zu verharren.
JA, ABER … da waren wir eh schon so oft.

Richtig. Erst jetzt verlassen wir das Gebiet, das wir von unseren Wienerwald-Touren kennen. An üppigen Blumenwiesen und einer Jakobsweg-Wandertafel vorbei, die direkt in den Himmel weist, kommen wir in die Ortschaft Ried am Riederberg.

Dort erwartet uns die Pfarrkirche hl. Johannes der Täufer, die uns leider auch verschlossen bleibt (wie viel zu viele Kirchen am Weg). Daneben aber finden sich eine Jakobsweg-Infotafel und ein weiterer Pilgerstempel.

JA, ABER … das hätte man schon besser stempeln können. Man sieht es ja kaum.
Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld. Manchmal sind aber auch die Stempelkissen schon etwas ausgetrocknet …

Jedenfalls: Kurz nach Ried am Riederberg folgt Elsbach, wo wir bei der alten Feuerwehr und der Dorfkapelle des Ortes ein letztes Mal auf eine Tour aus „Wandern im Wienerwald“ stoßen – nämlich die mit der Nummer 20, die einst Beim „Fink in der Au“ hieß und jetzt in Ermangelung des „Fink in der Au“ (weil dieses hervorragende Ausflugslokal seine Pforten wohl nicht mehr öffnen wird) einen anderen Titel erhalten muss.

Von Elsbach geht’s weiter über flaches Land nach Sieghartskirchen. Dort erwartet uns beim Friedhof rund um die Pfarrkirche ein rührendes Kriegerdenkmal.
JA, ABER … hatten wir nicht schon genug Krieg?
Für heute schon.

Nun geht es über schier endlose Feldwege bergauf und bergab, links und rechts, am Waldrand und auf freiem Feld, schräg zurück und an Ortschaften vorbei – Dietersdorf, Plankenberg etc. pp. Und das stets bei starkem Gegenwind, fast einem Sturm, gegen den wir anrennen müssen.
JA, ABER … dir ist aber wirklich nix recht. Die Sonne passt dir auch nicht. Und wenn es regnet, bist du noch weniger froh.

Stimmt. Es gibt nur ganz wenig Wetter, das mich freut. Und wie das genau aussieht, das ändert sich von Tag zu Tag – oder auch „situationsabhängig“, je nach „Gemengelage“, wie gescheite Menschen heutzutage sagen. Ich halte mich aus solchen intellektuellen Dialogen lieber heraus, weil ich eh nie recht habe. Und eine auf diesem Pilgerweg gewonnene Erkenntnis ist, dass ich auch gar nicht recht haben muss. Weil’s im Endeffekt wurscht ist.

Und weil mir der starke Wind, der durch ein Kornfeld weht wie über eine Wasserfläche, viel mehr sagt als die Frage, ob was richtig ist oder falsch. So etwas ist einfach nur schön. Doch dann stößt man, in irgendeinem kleinen Ort, auf etwas, von dem man plötzlich wieder genau weiß, dass es falsch ist. Absolut falsch. Monströs. Eine Anhäufung blasphemischen Irrsinns. Grober Unfug.
JA, ABER … nein, kein aber. Nicht in diesem Fall.

Und so nähern wir uns in friedvoller Manier dem heutigen Etappenziel, dem Ort Siegersdorf, wo uns eine von freundlichen Menschen selbstgebastelte Pilgerbank erwartet, die nur ein Vorbote dessen ist, was unseren heutigen Wandertag zu einem schönen Abschluss bringen wird. In Siegersdorf haben Gabriele Wieser und Franz Enk nämlich nicht nur einen Jakobs-Bildstock und besagte Bank errichtet, sondern auch eine geniale Selbstversorgerhütte, in der müde Pilger gegen freie Spende übernachten können.

Für uns ist es eine Premiere, da wir keine Bergwanderer oder -steiger sind und daher noch nie Gelegenheit hatten, in einer Selbstversorgerhütte zu nächtigen. Das von Franz und Gabi eingerichtete Häuschen wirkt schon auf den ersten Blick besonders einladend und liebevoll gestaltet. Auf dem Tisch in der Hütte erwarten uns frische Wiesenblumen, im Hof gibt es sogar ein Karbäuschen, in dem man duschen kann, und die unglaublich netten, interessierten und gesprächigen Gastgeber kommen uns begrüßen, bringen uns was zu trinken und einen Imbiss.

Wir plaudern noch ein Weilchen mit Gabi, über Katzen, Menschen, Pilger, Gott und die Welt (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), bis sie uns dann unserem Schicksal überlässt. Ich bin leider ziemlich erfroren an diesem frühen Abend im Frühsommer, weil es den ganzen Tag relativ kühl und sehr windig war; da friert man dann besonders, wenn man vom Gehen verschwitzt ist. Also sitze ich nur noch eine Zeitlang vor der Hütte (sogar in der Sonne!), betrachte das Badebiotop, das Franz und Gabi da auch noch eingerichtet haben, vernichte ein zweites kleines Bier …

… suche dann das Plumpsklo auf und freue mich trotz allem, dass wir an diesem Abend die einzigen zwei Pilger sind, die in dieser Hütte übernachten. Weil: Matratzenlager, Plumpsklo und rustikaler Charme sind zwar schön und gut, aber mit fremden Leuten übernachten, eventuell sogar noch in einen Schlafsack gehüllt, das ist etwas, das ich vor fast 50 Jahren am Nebelstein das letzte Mal gemacht habe. Ich lege mich also bald unter eine der dicken Decken hier, beginne bei fahlem Licht im mitgebrachten Reclam-Büchlein „Kriminalgeschichten aus drei Jahrhunderten“ zu lesen, das von gepflegter Fadesse ist, und schlafe dann ein.

JA, ABER … es ist doch erst neun!
(schnarcht)

Am nächsten Tag, frühmorgens, erwartet uns Überausgeschlafene schon kurz vor sieben Uhr Gabi mit einem hervorragenden Frühstück, bevor sie uns auf den Weg schickt. Wir freuen uns, so liebe Leute kennengelernt und eine so wertvolle neue Erfahrung gemacht zu haben. Und das ausnahmsweise …

… ohne JA und ABER! (ph)

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