Zeitkapsel 009: Die Schildkröten im Totengarten 09.09.2019

Gerhard Hallstatt gibt uns die Ehre, in unregelmäßigen Abständen einige seiner „Zeitkapseln“ in unserem Blog zu veröffentlichen: Photographien von einzelnen „magical mystery tours“ mit Tagebuchaufzeichnungen.

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Dramatis personae: Schildkröten, Gerhard Hallstatt
Schauplatz: British Cemetery, Kerkyra, Korfu

„Kerkyra, Korfu. In einem kleinen Geschäft kaufte ich köstliche grüne Weintrauben und eine Gurke. Sie waren nicht für mich, sondern für die eigentümlichen Bewohner des British Cemetery, der sich ganz in der Nähe befand.

Der Friedhof war schön und alt, zwischen den vielen Pinien entdeckte ich einige ungewöhnliche Gräber und Mausoleen. Er wurde vor zweihundert Jahren angelegt, als die Insel ein britisches Protektorat war, und enthielt die Ruhestätten britischer Offiziere und Seeleute. Ein besonderes Grabmal hatte man auch errichtet – für die Besatzungen der beiden Royal-Navy-Schiffe Saumarez und Volage, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Oktober 1946, einigen Minen im Kanal zwischen Korfu und Albanien zum Opfer fielen.

Ein Teil des Geländes war ein blühender Garten. Ich hatte vor einiger Zeit erfahren, daß auf dem Friedhof Schildkröten lebten – aber der eigentliche Totengarten, dessen Boden übersät war von braunen Piniennadeln, schien mir viel zu trocken für die Tiere. Glücklicherweise irrte ich mich: Bald überquerte vor mir eine Schildkröte mit honigfarbenem und schwarzem Panzer langsam den Weg. Ich bot ihr die mitgebrachten Lebensmittel an, und die kleinen scharfen Zähne schnappten zu: Die Weintrauben und Gurkenstücke schienen ihr zu schmecken. Ihre rosa Zunge stand in einem merkwürdigen Gegensatz zu den dunklen Erdfarben des Panzers, des Kopfes und der langen Krallen. Die Schildkröte wirkte wirklich sehr vorgeschichtlich. Wie alt mochte sie wohl sein? Manche Schildkröten konnten ja hundert Jahre und älter werden. Nach einiger Zeit aber hatten für sie die Trauben und Gurkenteile ihren Reiz verloren. Vielleicht war sie bereits satt. Sie ließ sich von mir nicht weiter bestechen und kroch eigenwillig weiter. Was war ihr Ziel? Ich folgte ihr neugierig. Sie war um einiges schneller unterwegs, als ich erwartet hatte. Seltsamerweise steuerte sie in einiger Entfernung eine niedrige Grabmauer an, auf der reglos wie eine Sphinx eine Katze saß. Es schien mir, als würden sie sich unterhalten. Aber das bildete ich mir vielleicht nur ein.

Bald sah ich eine zweite Schildkröte. Sie befand sich bei einem Grab mit einem steinernen Hund. Auch sie freute sich über einige Trauben und ein Gurkenstück. Auf einem Grab in der Nähe stand auf einem Sockel ein steinerner dreiköpfiger Elefant – offenbar hatte der Tote einige Zeit in Indien verbracht. Schildkröte und Elefant wären ein einzigartiges Motiv.  Aber ich widerstand der Versuchung, die Schildkröte zu diesem Elefanten zu tragen und sie gemeinsam zu photographieren. Auch sie wirkte nur langsam und schwerfällig, denn als ich etwas später sie und die erste Schildkröte wieder suchte, waren beide spurlos verschwunden. Vielleicht waren sie irgendwo in selbstgebauten Katakomben unter dem Friedhof, in einer eigentümlichen heimlichen Welt. die sich den Blicken der lebenden und vielleicht auch der  toten Menschen entzog. Ob diese Katakomben auch die Eier der Schildkröten enthielten?

Bei einem Holzhaufen im Garten des British Cemetery entdeckte ich zwei weitere Schildkröten. Nur eine bewegte sich. Die andere blieb vollkommen reglos. Schlief sie? Lebte sie? Ob alte Schildkröten ihr Ende ahnten und sich rechtzeitig in kleine unterirdische Totengärten zurückzogen? Die aktive Schildkröte wollte die passive besteigen. Der Akt erschien etwas nekrophil – bald aber stellte ich fest, daß beide Schildkröten lebten. Ich fütterte auch sie. Die aktive Schildkröte aber biß häufig nicht in ein Gurkenstück, sondern in den Vorderlauf der anderen. Ob das ein Irrtum war oder Absicht? Offensichtlich war es Absicht, ich hatte gelesen, daß Schildkröten sehr gut sehen. Die aktive Schildkröte bestieg noch zweimal die andere, um auf ihr zu reiten. Vielleicht war alles ein Liebesspiel dieser merkwürdigen Geschöpfe. Vielleicht waren auch die Bisse ein wichtiger Teil der Paarung. Ganz sicher war ich nicht.“ (Gerhard Hallstatt: Korfu-Tagebuch 09.09.2019)

(Einige Tage später.)

„Im Archäologischen Museum von Kerkyra. (…) Ein  Schildkrötenpanzer, der jetzt zerbrochen war, diente als Schallkörper einer Leier mit Saiten aus den Gedärmen von Schafen. Ob man beim Bau der Instrumente gewartet hatte, bis eine Schildkröte eines natürlichen Todes starb? Wohl nicht. (…) Ich dachte an den griechischen Dichter Aischylus, der starb, als ein Adler eine Schildkröte aus großer Höhe auf seinen Kopf fallen ließ, um auf ihm wie auf einem Stein den Panzer aufzubrechen. Im Freien richtete ich den Blick unwillkürlich nach oben: Die Luft war rein.

Ich hatte noch etwas Zeit, bis mein Bus nach Acharavi zurückfuhr, und ging noch einmal zum British Cemetery. Wieder kaufte ich im gleichen Geschäft Weintrauben und eine Gurke. Diesmal hatte ich auch mein Taschenmesser dabei, um die Gurke gerechter aufteilen zu können.

Seit meinem letzten Besuch auf dem Friedhof hatte es auf Korfu nicht geregnet. Alles erschien jetzt noch trockener. Zwischen den Gräbern bewegte sich nichts. Beim Holzstoß kam es heute zu keinem Streit und auch zu keinen Liebesspielen. Ich sah keine einzige Schildkröte. Hätte ich die Tiere nicht letztes Mal mit eigenen Augen gesehen, würde mir alles vorkommen wie eine Legende. Ich dachte an die Kühe auf dem Pantokrator, dem höchsten Berg der Insel, von denen mir das hübsche Fräulein im Folklore-Museum von Acharavi erzählt hatte. Das hatte mich sehr überrascht – denn ich hatte ja zweimal in meinem Zelt auf dem Pantokrator übernachtet, ohne tagsüber eine einzige Kuh zu Gesicht zu bekommen.

Die Schildkröten blieben unsichtbar. Vielleicht gerade wegen der Trockenheit. Im Untergrund war die Erde wohl feuchter. Vielleicht hüteten sie ihre Eier oder besuchten tote Artgenossen.

Im Haus beim Eingang des British Cemetery lebte ein altes Ehepaar. Die beiden kümmerten sich um die Gräber und die Schildkröten. Als ich ihnen erzählte, daß ich heute keine einzige gesehen hatte, wollten die beiden mir einige zeigen. Sie kannten ihre Lieblingsplätze, und die Frau stellte ihnen kleine Teller mit Speisen hin, um sie anzulocken. Aber keine ließ sich blicken, und so ,fütterte‘ ich dieses Mal auf dem British Cemetery das alte Ehepaar.“ (Gerhard Hallstatt: Korfu-Tagebuch 13.09.2019)


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